Der einzige Feind

Der einzige Feind, den es wert ist zu hassen

Auftragsarbeit zu den 350 Jahr-Feierlichkeiten der Leopold Franzens-Univesität Innsbruck
von David Baldessari

Nach einer wahren Begebenheit

 

Zwei Spieler:

A, Porsche, Dibetto, Aigner
B, Schraffl, Tommasi, Ermacora

 

Requisiten:

Aktenkoffer
Akten
Gedicht

 

Technik:

Beamer
Leinwand
Soundanlage
Licht (vier bis fünf Stimmungen)

 

 

I

 

Dr. Tommasi:    (hält das Verhandlungsprotokoll in der Hand) Das ist eine Ungeheuerlichkeit! Was fällt ihnen ein? Das nennen sie ein Protokoll? Das? Diesen Schmutzfleck? Diese Per-Post-Lügengeschichte?
Was? (hört zu) Ich beruhige mich wenn es mir passt.
Nicht genug damit, dass ich mich bereits während des Verfahrens mit ihren Unprofessionalitäten konfrontiert sehen musste – jetzt übermitteln sie mir auch noch dieses aus der Luft gegriffene Drecksblatt? Wie? (hört zu) Mit Sicherheit NICHT werde ich mich zügeln.
Meine Mandanten verbringen acht Monate im Kerker, sehen ihren privaten wie geschäftlichen Ruf dauerhaft wegen eines Lausbubenstreichs gefährdet, und weil das noch nicht reicht, wird in einem getürkten Verfahren auch noch ihrer akademischer Karriere ein Grab geschaufelt. Und sie schreiben sich christliche Nächstenliebe auf die Banner?
Pff…. (hört zu) Ich? Ich scheine hier der einzige zu sein, der noch klar denkt. Mein einziger Fehler war, von einer Bagage akademischer Sesselfurzer und Bürokraten Professionalität zu erwarten.
(hört zu) Ja ja… Beleidigung… Wissen sie was eine Beleidigung ist? Das hier! (wedelt mit dem Protokoll) Dass sie eine so sträflich verknappte Zusammenfassung der Verhandlung veröffentlichen, und von mir erwarten, ich würde das einfach schlucken. DAS ist eine Beleidigung meines Intellekts.
(hört zu) Ja, ich weiß schon, dass sie sich das selbst glauben. Sie glauben ja bestimmt auch noch, dass sie die Situation objektiv beurteilt hätten. Da frage ich mich aber schon, wie sie entschieden hätten, wenn ein ideologisch weniger aufgeladener Gegenstand beschädigt worden wäre. Wie hätten sie wohl entschieden, wenn es in dem Gedicht nicht um Juden, sondern um… ach was weiß ich… Amerikaner, Kommunisten, Araber oder Neger gegangen wäre? Fragen sie sich das doch mal, wenn sie heute Abend in ihren Jugendstil-Schlafzimmern liegen. (hört zu)
Zwei junge Menschen –  Potenziale – Rohdiamanten denen rein der Schliff fehlt – sehen jetzt NACHDEM SIE REUIG IHRE STRAFE ABGESESSEN HABEN der kompletten Vernichtung ihrer Zukunftschancen entgegen. Dank Ihnen. Zwei junge Menschen haben sich einen dummen Streich erlaubt. Eben WEIL ihnen der Schliff fehlt. Und Sie verurteilen sie lebenslang zu Hilfsarbeit. Zwei Potenziale vergeudet. Bravo. Bravo. (applaudiert langsam)
Lassen sie mich ihnen eins noch sagen: Insgeheim wissen sie genauso gut wie ich, dass die Verhandlung getürkt ist. Genauso gut wie ich, dass das Urteil übertrieben und unnötig ist. Genauso gut wie ich, dass hier aus purer Ideologie und nicht aus Objektivität gehandelt wurde. Pure Feigheit spricht hieraus (zeigt das Protokoll)
(hört zu)
(hört zu)
(hört zu)

Nein, wir legen keine Berufung ein.
(Ab)

 

 

II

 

 

A:              In der Nacht von 21. auf den 22.11.1961 begingen die beiden Studenten Klaus Peter Porsche und Kuno Schraffl mehrere Straftaten, deren besondere Verstrickungen…

B:              … besonders, weil noch nie dagewesen, …

A:              … der Disziplinarkommission Kopfzerbrechen bereiteten.

B:              Klaus Peter PORSCHE, Jahrgang ’41, Geboren in Wels, Aufgewachsen in Bad Hall, Oberösterreich, Ordentlicher Student der Medizin seit 13.10.‘60

A:              Kuno SCHRAFFL, Jahrgang ’42, Geboren und aufgewachsen in Bozen, Südtirol, Ordentlicher Student der Medizien seit 24.10.‘60

B:              Es ist ein kühler Dienstag Abend,im November, als die beiden Medizinstudenten Porsche und Schraffl gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Diedrich THOMS beschließen, sich in der Wohnung Porsches im Innsbrucker Stadtteil Sieglanger-Mentlberg das eine oder andere Heißgetränk zu genehmigen.

A:              Der Studienalltag ist hart und reich an Strapazen.

B:              Das zu Semesterbeginn ausgehändigte Curriculum zur menschlichen Anatomie noch nicht ein Mal aufgeschlagen.

A:              Sie befinden sich im dritten Semester.

B:              Die Schonfrist ist abgelaufen.

A:              Wenn es überhaupt jemals eine gab.

B:              Alle drei stammen aus bürgerlichen Verhältnissen.

A:              Eines der Kinder auf die Unversität zu schicken ist für die Familien mit erheblichen finanziellen Aufwänden…
(denkt)
Moment!

B:              Was?

A:              (zu B) Hast du das recherchiert?

B:              Was denn?

A:              Na, dass sie aus bürgerlichen Verhältnissen stammen?

B:              Naja… also…

A:              Ich hab davon nichts in den Akten gelesen. Bitte sag mir, dass du das recherchiert hast!

B:              Also… Nicht direkt… ich meine… was heißt denn schon recher…

A:              Um Himmels willen. Du hast da einfach Sachen hineinerfunden?

B:              (stolz) Künstlerische Freiheit.

A:              Sag dass das nicht wahr ist…

B:              Das ist doch hier ein Theaterstück. Und die Aufgabe des Theaters ist es, durch Überspitzungen und plakativ vereinfachte Darstellungen Sachverhalte für ein möglichst breit gefächertes Publikum klar verständlich zu machen. Oder?

A:              Schon, aber du kannst doch nichts erfinden?

B:              Hab ich ja nicht. Künstlerische Freiheit.

A:              Du machst mich fertig.

B:              Danke.

A:              Wie viele von deinen „Künstlerischen Freiheiten“ hast du denn noch in unser Stück eingebaut?

B:              Naja… So neun oder zehn…

A:              (stöhnt) Du Dilettant. Da sitzt ein Publikum voller Akademiker und wichtiger Leute, die bei dir ein historisch akkurates Stück in Auftrag geben, und was machst du? Lügst einfach das Blaue vom Himmel. Das darf doch echt nicht wahr sein. Was machen wir jetzt?

B:              Na… weiter! Der Text ist geschrieben, das Stück ist gelernt, die gehen jetzt sicher nicht wieder nach Hause.

A:              Ich werde hier niemanden anlügen.

B:              Tja… Ähhm… Wir könnten uns ja ein Codewort ausmachen. Immer wenn wir zu einer Stelle kommen, wo ich aus dramaturgischen Gründen ein bisschen was dazu interpretiert habe, sage ich zB „Disziplinarverfahren“ und dann wissen alle, dass das nicht zu hundert Prozent ernst zu nehmen ist, was wir hier machen.

A:              (stöht erneut) Na gut. Besser als nix. Aber „Disziplinarverfahren“ geht nicht.

B:              Warum?

A:              Das kommt doch so mindestens zwölf mal im Text vor.

B:              Ach ja… Na dann… „Starbucks“

A:              Gabs damals noch nicht.

B:              „Plazenta“

A:              Igitt…

B:              „Integrationsstaatssekretär“

A:              Zu lange.

B:              „Bundeskanzler“

A:              Zu kurz.

B:              „Polardorsch“

A:              „Polardorsch“?

B:              „Polardorsch“

A:              „Polardorsch“!

B:              Gut

A:              Das nehmen wir. Auch wenn ich deinen Gedankengang nicht mal im Ansatz versteh.

B:              Das schaffe nicht mal ich.

A:              Können wir jetzt weitermachen?

B:              Klar. Bitte!

A:              (zum Publikum) Eines der Kinder auf die Unversität zu schicken ist für die Familien mit erheblichen finanziellen Aufwänden verbunden.

B:              Polardorsch Polardorsch

A:              Wie?

B:              Ein mal für das Bürgerliche Elternhaus und ein mal für den Dr. Tommasi am Anfang.

A:              Aber den gabs doch?

B:              Ja, aber wer weiß, ob der sich wirklich so aufgeregt hat…

A:              Na gut… Zurück zum Text jetzt!

B:              (erneut zum Publikum) Ein Studeinabbruch ist nicht denkbar.

A:              Wir schreiben das Jahr ’61. Wer es aus der bürgerlichen Klasse zu Wohlstand bringen will, benötigt Beziehungen.

B:              Beziehungen, wie sie nur im universitären Umfeld aufgebaut werden können.

A:              Eine Burschenschaft, oder Studentenverbindung.

B:              Porsche war Probekandidat der Burschenschaft Suevia. Hat diese aber vor sechs Monaten wegen persönlicher Unstimmigkeiten verlassen.

A:              Schraffl ist Mitglied der schlagenden Burschenschaft Brixia. Seit einigen Monaten erduldt er das strikte Verbidnungsprozedere. Zuvor war er einige Wochen lang Fuchs in der CV-Verbindung Rheno-Danubia. Dort wurde er allerdings nicht aufgenommen. Gründe nicht dokumentiert.

B:              Thoms ist…

A:              Ja?

B:              Ja der ist… Der war doch… ähhm…

A:              Ach komm… Ernsthaft jetzt?

B:              Also der war sicher auch in einer… Ich meine, die waren doch alle in einer… oder? Warum muss ich überhaupt über den Thoms sprechen?

A:              Das fragst du mich? Du hast den Text geschrieben.

B:              Ja schon. Ich dachte auch, der wär noch irgendwie wichtig.

A:              Und das ist er nicht?

B:              Naja… Jetzt wo ich darüber nachdenke… Der hat ja wirklich keine Bewandtnis oder? Der scheint ja auch nur ganz kurz auf oder?

A:              Ja…

B:              Aber man kann doch auch nicht sagen, dass sie nur zu zweit waren, wenn die zu dritt gesoffen haben.

A:              Nein

B:              Also, was sagen wir jetzt  über den Thoms?

A:              (genervt) Dass wir nix über ihn wissen, dass er für die Geschichte nicht wichtig ist, aber dass er halt dabei war. Von mir aus, dass er höchstwahrscheinlich ein erfolgreicher Arzt geworden ist, dass er google oder das Spaceshuttle mitentwickelt haben könnte, dass er friedlich und mit blütenweißem Leumund irgendwo in Caracas oder Palma seinen Ruhestand genießen könnte. Was weiß ich. In erster Linie sollten wir den Leuten aber sagen, dass alles was wir mit Sicherheit über ihn wissen ist, dass er sich in der Nacht vom 21. Auf den 22.11.1961 ganz ordentlich einen reingestellt hat.

B:              (kleinlaut) … und dass er ein Fahrrad hatte.

A:              Weiter jetzt!

B:              Porsche hatte am 21.11. einen Lichtbildvortrag auf der Universität gehalten, für welchen er gelobt wurde.

A:              Er beschloss, einige Freunde zum Feiern in ein Innsbrucker Gasthaus einzuladen.

B:              Zur Sperrstunden bleiben neben Ihm noch Schraffl und Thoms übrig. Keine Ambitionen, den Abend zu beenden.

B:              Die drei Studenten finden sich also in den späten Abendstunden in Porsches Wohnung zusammen, wo sie einen sogenannten „Scharfen Grog“ bereiten.

A:              Ein stark alkoholhaltiges Heißgetränk, welches zum größten Teil aus Rum und Zucker besteht.

B:              Optionale Zutaten sind Tee und oder Fruchtsäfte.

A:              Optional? Eher minimal…

B:              Über die exakte Zusammensetzung des Getränks, auf das später alle Schuld geschoben werden sollte, ist uns nichts bekannt.

A:              Möglicherweise ist das auch besser so.

B:              Übermütige Studierende könnten sonst aufgrund der damals bereits bekannten Eigenart des scharfen Grogs, der Unternehmungslust, noch heute zur Nachahmung animiert werden.

A:              Was uns allerdings aus Polizeiakten bekannt ist, ist dass in Porsches Wohnung an diesem Abend etwa ein Dreiviertel Liter Rum vernichtet wurde.

B:              Von Spülmaterial in Form von Flaschenbier ist ebenfalls auszugehen.

A:              Natürlich.

B:              Doch bevor wir den Abend nun weiter rekonstruieren, erlauben sie mir, dass ich Ihnen Frau Volksschuloberlehrerin Friederike Dibetto vorstelle!

 

 

III

 

 

(A verwandelt sich in Friederike Dibetto – Film 1 wird im Hintergrund abgespielt)

Dibetto:        Hochgeschätzter Herr Bundespräsident!
Verzeihen sie mir, wenn ich mit einer Bitte an Sie herantrete. Gefallener Jugend zu helfen, sie auf den rechten Wege zu führen, um aus ihr wieder brauchbare Menschen zu machen, veranlasst mich zu diesem Schreiben.
Als ehemalige Lehrerin des heutigen Hochschülers Peter Porsche, dessen Name Ihnen ja nicht unbekannt ist, ersuche ich Sie, ihm zu ermöglichen, dass er sich endlich an der Universität Innsbruck einer Disziplinarverhandlung unterziehen kann. Er verbüßte für seine schändliche Tat eine 8monatige Kerkerstrafe und wartet nun seit 6 Monaten auf die Entscheidung, ob er sein Studium fortsetzen kann.
Als Sozialistin glaube ich, dass man dem sonst so anständigen und strebsamen Jungen doch helfen müsste, und zwar ehestens, denn das Sommersemester eilt mit Riesenschritten heran.
Herr Bundespräsident, bitte glauben Sie mir, …

B:              Polardorsch!

Dibetto:        (böser Blick zu B) …dass ich die Tat des Peter Porsche zutiefst verabscheue. Doch wenn sie die glitzernden blauen Augen des aufgeweckten und liebenswerten kleinen Jungen gesehen hätten, als den ich Peter in der Volksschule kennengelernt habe, würde es ihnen ebenso schwer fallen, in ihm das Monster zu sehen, als welches er gemeinhin dargestellt wird. Nein. Vielmehr kann ich mich nicht der Annahme erwehren, dass das Gute des Menschen Natur ist, er jedoch durch Versuchungen aller Art auf den Pfad der Unvernunft geleitet werden kann. Der Teufel steht hinter jeder Ecke, und der Weg in die Hölle ist gepflastert mit…
(steigt aus der Rolle)

 

 

IV

 

 

A:              Ach komm… Das ist jetzt aber schon ganz schön dick aufgetragen.

B:              Ich sagte ja, Polardorsch.
Aber die erste Hälfte war echt. Hier! (Hält den Brief der Lehrerin hoch und liest den Schluss vor) Mit ergebenster Hochachtung, Friederike Dibetto

A:              Mit ergebenster Hochachtung?

B:              Mit ergebenster Hochachtung!

A:              Das hast du doch erfunden. Wer redet denn so?

B:              Also… Ungefähr alle!

A:              Ach was!

B:              Das war 1961. Die Welt war damals noch nicht bereit für „mfg“, „Servus“ oder „i bims“. Ich habe mich hier akkurat an die Amtssprache von damals gehalten. Hier bitte. (zieht einige Akte aus dem Koffer) Damit du mir nicht wieder unterstellst ich würde Lügen!
(Liest vor) … „Mit besten Empfehlungen, Univ.-Prof. Dr. Dr. Sowieso“
„Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung ersterbend, Univ.Prof. Dr. Dr. Schlagmichtot“

A:              (hat sich einige Akten geschnappt – liest laut lachend vor) „…beehrt sich Ihnen zur Kenntnis zu bringen…“
„…Seine Spektabilität, Herrn Dekan der medizinischen Fakultät, Univ.-Prof. Dr….“ Ha ha!!!
Das gibt’s doch nicht. Das war doch nicht im Mittelalter. Ich meine… So lange ist das doch auch nicht her!

B:              (affektiert) „…Für Ihre Bemühungen bitte ich Sie, im Voraus meinen herzlichsten Dank zu empfangen…“

A:              „… Seine Magnifizenz, den Rektor der Universität Innsbruck…“

B:              „… in untertänigster Dankbarkeit…“
„… erbittet euer gediegenes Wohlwollen, mein unerheblich Anliegen betreffend…“
„… in bescheidener Hoffnung, Ihnen meinen ergebnsten Dank übermitteln zu dürfen…“
„… in Ritterlicher…“

A:              Polardorsch?

B:              Ungefähr vor drei Sätzen…

A:              (wieder zum Publikum) Nachdem sich Thoms verabschiedet hatte und mit seinem Fahrrad nach Hause gefahren war, steigt in Porsche und Schraffl der Tatendrang. Sie beschließen, dem jüdischen Friedhof einen kleinen Besuch abzustatten.

B:              In einem Geräteschuppen finden sie eine Leiter. Von der Südseite her steigen sie über die Friedhofsmauer in den jüdischen Teil des Friedhofs Wilten.

A:              Sie sehen sich um. Trinken. Rauchen.

B:              Vom Grog beflügelt beginnen sie, Grabsteine umzuwerfen.

A:              Der dabei entstandene Lärm veranlasst sie, kurz das Weite zu suchen und abzuwarten, ob sie gehört wurden.

B:              Niemand kommt.

A:              Sie steigen erneut in den Friedhof ein.

B:              Werfen weitere Grabsteine um.

A:              Am Ende werden es 48 gewesen sein. Zwei Drittel des jüdischen Friedhofs.

B:              Die Tatsache dass es jüdische Grabsteine sind, wird gemeinsam mit dem Gedicht für die Schwere des Urteils Verantwortlich zeichnen.

A:              Das Gedicht.

B:              Porsches Gedicht.

A:              Entstehungsdatum unbekannt.

B:              Irgendwann nach Porsches Rauswurf aus der Verbindung Suevia.

 

 

V

 

 

(S)chraffl:     Was schreibst?

(P)orsche:      Nix!

S:              Zeig her!

P:              Verschwind!

S:              Hast da die Anatomie-Arbeit?

P:              Ja

S:              Gibst mir sie wenn’d fertig bist?

P:              Vergiss es.

S:              Kameradenschwein!

P:              Schnapsdrossel!

S:              Der feine Herr warn amal auch nicht schlecht bedient gestern!

P:              Der feine Herr hat sich aber nicht in den Abort erbrochen, wie ein gewisser Kommilitone.

S:              Was machts…? Gehma wieder ins Wirtshaus heut?

P:              Arbeit‘ die Klara wieder?

S:              Das hast sie gestern selber g’fragt, du Hornochs.

P:              Ja, was weiß ich. Und?

S:              Um fünf hat’s aus. Dann trinkt’s mit uns.

P:              Dann müssma.

S:              Und die Anatomie?

P:              Die werd ich im Wirtshaus studieren. Am lebenden Objekt.

S:              Schwerenöter!

P:              Geh! Ich frag es Mariandl, wer von uns der Schwerenöter ist. Oder die Hilde. Oder die Ida. Oder die von letzter Woche, mit dem kurzen Rock und dem ausgeprägten „Charakter“

S:              Nix dabei, was ich bereu‘. Außer der Ida.

P:              Warum grad die?

S:              Judensau.

P:              Was ist mit der Cordula?

S:              Bis heut hab ich Kratzspuren.

P:              Glücklicher! Die hätt‘ mich auch angschaut.

S:              Aber traun‘ tust dich halt nix. Schisser. Aufreißer wirst keiner mehr…

P:              Ich trau mich, dir den Arsch aufzureißen. Das reicht.

S:              Und mit was?

P:              Mit Recht! Elender Krüppel!

S:              Was sagst, du Homo? Krüppel?

P:              Schonmal in an Spiegel g’schaut? Wundert mich dass dich leben lassen ham, so wie du ausschaust.

S:              Ich versteh dich ned, nimm mal grad den Schwanz vom Dekan aus dem Mund!

(beide lachen)

P:              Also um fünf sagst?

S:              Halb vier bei mir. Ich hab noch a bissl von dem Bier daheim. Das muss weg.

P:              Alsdann. Wiederschaun, Mongo!

S:              Auf bald, Homo! (nimmt im Gehen das Gedicht vom Tisch, liest flüchtig während Porsche versucht es ihm abzunehmen)

P:              Was… Gib’s her du Schwein!

S:              Hab’s mir doch gedacht.

P:              Hergeben sollst es…

S:              Ein Gedicht…

P:              Ich hab’s noch nicht fertig…

S:              Mir reicht’s als Beweis!

P:              Wofür?

S:              Dass du ein Warmer bist.

P:              Halts Maul! Gibs her…

S:              (affektiert) “Andre Seiten gibt es immer, ändern könnt ihr das ja nimmer.”

P:              Das ist noch nicht zum lesen…

S:              Jetzt reg dich ab. (Liest zu Ende) Ich mags.

P:              Langweilig war mir…

S:              Wenn du ‘s nächste Mal Langeweile hast, kannst meine Anatomie-Arbeit schreiben.

P:              Du träumst…

S:              Von dir, mein Süßer!

P:              Verschwind jetzt… (nimmt ihm das Gedicht weg)

(S lacht; geht)

S:              (im gehen) Im Übrigen: „hassen“ auf „vergasen“ ist ein schwacher Reim!

P:              Ich hab’s noch nicht fertig…

(S ab; P setzt sich wieder)

 

 

VI

 

 

(R)ichter:      Name?

P:              Klaus Peter Porsche

R:              Gebürtig?

P:              8. August 1941, Wels, Oberösterreich

R:              Wohnhaft?

P:              Mentlbergstraße 7, Innsbruck

R:              Sie plädieren?

P:              Schuldig.

B:              (von außen) Polardorsch!

R:              Ihnen wurde die Anklageschrift verlesen?

P:              Ja.

R:              Haben sie sich zu verteidigen?

(T)ommasi:      Ja, euer Ehren!

R:              Das Wort hat der Verteidiger des Angeklagten, Herr Dr. Tommasi.

T:              Euer Ehren, wir plädieren auf erhebliche Beeinträchtigung der Zurechnungsfähigkeit. Mein Mandant war zur Tatzeit schwer alkoholisiert, also in keinem Falle im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

R:              Reine Spekulation und nicht zu belegen.

T:              Mit Verlaub, euer Ehren, die Angeklagten haben sich aus Angst, dass ihre Abdrücke erkannt werden könnten, ihrer Schuhe entledigt, und diese einige Meter vom Friedhof entfernt, schleißig im Wald vergraben. Da es sich bei den Angeklagten um ordentliche Studenten der Medizin handelt, die im Alltag mit Sicherheit nicht so leichtfertig handeln würden, ist eine Alkoholisierung nicht nur naheliegend, sondern quasi erwiesen.

R:              Dies trifft rein auf den Angeklagten Schraffl zu.

T:              Des Weiteren wurden BEIDE Angeklagten beim exzessiven Alkoholgenuss in einem Innsbrucker Wirtshaus beobachtet, als sie im Beisein von Kommilitonen bis spät abends einen erfolgreichen Lichtbildvortrag meines Mandanten feierten.

R:              Fahren sie fort!

T:              Unter Berücksichtigung der Alkoholisierung kann es sich also nur um einen Lausbubenstreich handeln, wie er unter Studenten nur zu oft vorkommt.

R:              Für einen Lausbubenstreich ist der entstandene Sachschaden deutlich zu hoch.

T:              Meine Mandanten sind dazu bereit, in vollem Umfang für den entstandenen Schaden aufzukommen.

R:              Davon gehe ich aus. Lassen sie uns über die ideologischen Aspekte der Tat sprechen.

T:              Diese sind aufgrund der Alkoholisierung zu vernachlässigen.

R:              Was zu vernachlässigen ist, entscheidet das Gericht. Herr Porsche, stammt das Gedicht, welches im Zuge der Hausdurchsuchung in Ihrer Wohnung gefunden wurde, und als Beweisstück E geführt wird, von Ihrer Hand?

P:              Also…

T:              Euer Ehren, das Gedicht wurde zum Teil von meinem Mandanten verfasst.

R:              Zum Teil?

T:              Aus der Hand meines Mandanten stammen die Zeilen bis inklusive „und Freund zu Feinden!“

R:              Wer soll also den Rest verfasst haben?

T:              Das ist unbekannt.

R:              Herr Dr. Tommasi. Es geht hier um ein elementares Beweisstück, das in der WOHNUNG Ihres Mandanten gefunden wurde. Sollte sich nicht durch Aussagen oder Beweise belegen lassen, dass einzig der erste Teil des Gedichts von Ihrem Mandanten Klaus Peter Porsche stammt, wird ihm der gesamte Text zu Lasten gelegt.

T:              Euer Ehren, in der Studentenwohnung meines Mandanten ist oft ein reger Zugang von Kommilitonen. Meist finden sich Mitstudenten zum Lernen, und ja, auch zum geselligen Beisammensein in der Mentlbergstraße 7 ein. Das Gedicht wurde in einer unabgeschlossenen Tasche gefunden, zu welcher jeder Gast Zugang finden konnte.

R:              Sie gehen also ernsthaft davon aus, dass ein besoffener Studienkollege Porsches, dessen Gedicht für ihn fertig geschrieben hat`?

T:              Euer Ehren. Nach dem von meinem Mandanten verfassten Teil ändert sich das Versmaß. Auch die Handschrift ist eine Andere.

R:              Die Spezialisten kamen zu keinem eindeutigen Urteil. Es könnte sich auch um die Handschrift des Angeklagten in einer anderen Tagesverfassung handeln.

T:              Mit Verlaub, euer Ehren, wenn die Spezialisten zu keinem eindeutigen Urteil kommen, kann das Beweisstück nicht berücksichtigt werden.

R:              Selbstverständlich kann es das.

T/B:            Polardorsch

 

 

VII

 

 

A:              Hast du das nicht aus den Gerichtsakten?

B:              Hab ich nicht bekommen…

A:              Sondern?

B:              Nur das Urteil.

A:              Welches?

B:              Beide.

A:              Soweit sind wir noch nicht.

B:              Das eine kommt jetzt gleich.

A:              (zum Publikum) Nachdem zwei Drittel des Friedhofs verwüstet sind, werden unsere zwei fragwürdigen Protagonisten erneut durstig.

B:              Schraffl bekommt es mit der Angst zu tun, dass seine Fußabdrücke von der Polizei erkannt werden.

A:              Also vergräbt er seine Schuhe einige Meter entfernt im Wald.

B:              Ein Geniestreich.

A:              Die Polizei sollte sie natürlich finden und als belastendes Beweismaterial gegen Schraffl ins Feld führen.

B:              Beim Graben kommt ihm der Gedanke.

A:              Die verhasste Verbindung Rheno-Danubia, aus welcher er mit dem Kalkül „unbrauchbar“ ausgeschieden ist, hat stets mehrere Bierkisten vorrätig.

B:              Das Kalkül „unbrauchbar“ wird von Verbindungen nur höchst selten ausgesprochen. Der Aspirant erhält einen Eintrag im entsprechenden Dachverband.

A:              Somit wird es ihm erheblich erschwert, in den meisten Fällen sogar unmöglich gemacht, einer anderen Verbindung desselben Dachverbands beizutreten.

B:              Es ist nicht bekannt, was sich Schraffl in der Rheno-Danubia geleistet hat, um dieses Kalkül zu verdienen.

A:              Es ist nicht bekannt, ob die deutschnationale Verbindung Brixia, die unter einem anderen Dachverband fungiert, von dem Kalkül wusste, als sie Schraffl kurze Zeit nach dem Ausschluss aus der Rheno-Danubia probeweise aufnimmt.

B:              In einem Presse-Statement schreiben Vertreter der Brixia 1961, dass Schraffl ein Mitglied im „äußeren Verband“ gewesen sei, und bereits als „Probekandidat“ ausschied nachdem sich herausstellte, dass er bei der Verbindung „nicht fand, was er suchte.“

A:              Auch die Suevia, Porsches ehemalige Verbindung, distanziert sich von den Vorfällen.

B:              Porsche wäre im Mai des Jahres nach sechswöchiger Probezeit ausgeschieden, weil er „mit den geistigen und politischen Zielsetzungen der Verbindung nicht übereinstimmte“.

A:              Der Bezug von Porsche und Schraffl zu den Innsbrucker Verbindungen ist also bisher ein vom Scheitern geprägter.

B:              Und jetzt ist es Zeit für Vergeltung.

A:              Schraffls Hass auf die Rheno-Danubia ist groß genug, dass er mit seinem Freund Porsche spätnachts in das Vereinslokal einsteigt.

B:              Im Hinterhof steht ein Baugerüst.

A:              Ein Fenster ist offen.

B:              Sie buxieren zwei Kisten Bier über das Baugerüst nach außen.

A:              Danach die Verbindungsfahne.

B:              Mit der Absicht, sie zu verbrennen, nehmen sie sie mit in Porsches Wohnung.

A:              Zuvor trinken sie im Hinterhof noch einige Flaschen Bier – den Rest der ersten Kiste schütten sie weg.

B:              Die Zweite Kiste kommt mit.

A:              Sie wird halb leergetrunken, gemeinsam mit der Fahne, wenige Tage später von der Polizei in Porsches Wohnung sichergestellt.

B:              Das Verbrennen der Fahne hätte zu viel Aufsehen erregt. Also lassen sie sie bis auf weiteres in der Wohnung.

A:              Am 4. Dezember wird aufgrund eines schweren Tatverdachts wegen Einstiegdiebstahls eine Hausdurchsuchung bei Porsche durchgeführt.

B:              Die Beamten finden die halb getrunkene Bierkiste. Überführen Porsche und Schraffl, die voll geständig sind, der Tat.

A:              Sie sprechen von einem dummen Studentenstreich. Zur Friedhofsschändung bekennen sie sich nicht.

B:              Eine weitere Hausdurchsuchung fördert die Verbindungsflagge zu Tage.

A:              Außerdem weitere Indizien, die den dringenden Verdacht der Beamten untermauern, dass es sich bei den Einbrechern und den Friedhofsschändern um ein und dieselben handle.

B:              Am 17. Dezember können sie endgültig überführt werden. Auf freiem Fuße werden sie angezeigt und der Staatsanwaltschaft Innsbruck übergeben.

A:              Die Verhandlung am Innsbrucker Landesgericht findet am 27.3.1962 statt.

B:              Die Angeklagten sind voll geständig – die Beweislage erdrückend.

A:              Sie werden rechtskräftig zu je acht Monaten schwerem Kerker verurteilt.

B:              Verschärft durch fünf harte Lager.

A:              (zu B) Was heißt das eigentlich?

B:              Die mussten fünf Nächte lang auf einem Holzbrett schlafen.

A:              Das klingt so nach Mittelalter. Polardorsch?

B:              Nö

A:              Krass…

B:              Jup.

A:              (zum Publikum) Doch nicht nur die Justiz und die Presse haben ein Interesse an dem Fall.

B:              Die Österreichische Hochschülerschaft hat die Geschehnisse natürlich mitverfolgt.

A:              Während die beiden Täter ihre Haft absitzen, wird an der Universität ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

B:              Dieses soll, nach dem gerichtlichen Urteil, nun auch ein Urteil über den weiteren akademischen Werdegang der beiden fällen.

A:              Als Datum für die Disziplinarverhandlung wird der 20.6. festgelegt.

B:              Porsche und Schraffl befinden sich zu diesem Zeitpunkt beide in Haft.

A:              Die Überstellungskosten für den Häftling Porsche alleine betragen ATS 470,-

B:              Das teilt das kreisgerichtliche Gefangenenhaus Ried im Innkreis per Schrieb mit.

A:              Schraffl weigert sich, als Gefangener vorgeführt zu werden.

B:              Der Entlassungstermin ist der 17.8.

A:              Der Verhandlungstermin wird verschoben.

B:              470,- Schillinge. Das ist die Universität nicht zu zahlen bereit. Nicht für einen verurteilten Neo-Nazi.

A:              Und mit einem späteren Verhandlungstermin soll auch Schraffl die Argumentation entzogen werden.

B:              Ein Herbst-Termin wird anvisiert.

A:              Es wird der 12.2.1963

B:              Mehr als ein halbes Jahr nach der Entlassung aus dem Kerker.

A:              Bis zum Urteilsspruch wird den beiden Beschuldigten der Zugang zur Universität verwährt.

B:              Drei Semester haben sie bereits versäumt.

 

 

VIII

 

 

S:              Und, was sagst?

P:              Dass ich b’soffen war. Das solltest du auch.

S:              Na sicher. Warn wir ja auch.

P:              Eben.

S:              Und du glaubst, das erspart uns den Kerker?

P:              Der Tommasi meint, es ist unser bester Versuch.

S:              Der Tommasi ist ein Bürokrat. So wie die ganze Juristenbagage morgen.

P:              Hmm…

S:              Is doch wahr…

P:              Und wir werden auch an Bürokraten brauchen, wenn wir da mit nix als einem blauen Aug aussteigen wollen.

S:              Vielleicht.

P:              Mein Papa meint…

S:              Geh. Was kommt jetzt…

P:              …meint auch, dass am besten ist wenn man Reue zeigt.

S:              Und meiner, dass ich hunderttausend Vater Unser beten soll. So ein Schmarrn.

P:              Wir ham halt an Blödsinn gmacht.

S:              DU hast an Blödsinn gmacht. Mit deim elenden Gedicht. Das wird uns es Gnack brechen.

P:              Das hätt doch keiner lesen sollen.

S:              Verbrennen hättst es sollen. Idiot.

P:              Erst fandst es noch gut.

S:              Es reicht aber im Kopf. Auf Papier bricht’s uns jetzt es Gnack. Und noch dazu als Gedicht. Ein schwuler Nazi. Wo solls des denn geben.

P:              Halt’s Maul.

S:              Du haltst besser morgen dein Maul. Und lass den Bürokraten reden.

P:              Der Tomassi hat g’sagt, ich soll vor der Verhandlung besser gar nicht mehr mit dir reden.

S:              Ist mir eh lieber…

 

 

IX

 

(Film 2)

 

 

 

X

(über Standbild aus Film 2)

 

Dibetto:        Hochgeschätzter Herr Bundespräsident!

B:              Polardorsch!

Dibetto:        Bitte sehen sie mir meine Hartnäckigkeit nach, doch das Schicksal des armen Peter Porsche, dessen Fall Ihnen ja nicht unbekannt ist, lässt mich nicht ruhig schlafen.
Der Bub sieht sich, nachdem er reuig seine Haftstrafe abgesessen hat, nun einer drohenden Disziplinarstrafe gegenüber. Dies würde ohne Zweifel des jungen Mannes gesamte Berufslaufbahn zerstören, ja gar nicht erst zulassen.
Geschätzter Herr Bundespräsident, bitte glauben sie nicht, dass ich die Taten des Peter Porsche auch nur im entferntesten gutheiße oder rechtfertige, doch wenn sie, so wie ich, einmal jung waren und ihrer Jugend genossen haben, so ist auch Ihnen der Übermut, der junge Menschen im Rausch oft überkommt nicht fremd. Und viel braucht es nicht. Ein paar schlechte Einflüsse, ein altes Plakat, ein der Zensur nicht zum Opfer gefallenes Gedicht oder ein völkisches Heimatlied. Dumme Ideen sind schneller geboren als die klugen.
In meiner Aufgabe, den vom rechten Wege abgekommenen zu helfen, sehe ich mich gezwungen, Sie, Herr Bundespräsident untertänigst um Ihre Unterstützung zu bitten.
Wenden sie sich mit einem wohlwollenden Schreiben an den Innsbrucker Disziplinarsenat. Helfen sie einem reuigen jungen Mann, ja gar noch fast einem Kind, einen dummen Fehler in voller Reue wiedergutzumachen.

In ergebenster Hochachtung,
Friederike Dibetto.

 

 

XI

 

 

Dr. (E)rmacora: Herr Aigner, auf ein Wort?

(Ai)gner:       Herr Dr. Wie kann ich helfen?

E:              Indem sie ihrer reizenden Frau meine ergebensten Grüße ausrichten.

Ai:             Herr Dr. sind zu gütig.

E:              Keineswegs. Wie geht`s den Kindern?

Ai:             Die Grippe. Sonst gut.

E:              Beste Genesung!

Ai:             Auf dem Weg der Besserung!

E:              Ist auch kein Wunder, bei dem Wetter.

Ai:             Lange kein so kalter Winter mehr.

E:              So viel Schnee.

Ai:             Fahren sie Schi?

E:              Im Urlaub.

Ai:             Wie schön.

E:              Und das neue Büro?

Ai:             Blick auf die Nordkette.

E:              Erfreulich!

Ai:             Durchaus. Daheim ist‘s doch am schönsten.

E:              Ja.

(Pause)

Ai:             Ihr Artikel!

E:              Ach das…

Ai:             Nein nein…

E:              Wirklich?

Ai:             Ja!

E:              Vielen Dank.

(Paues)

Ai:             Herr Dr.

E:              Herr Aigner

Ai:             Beste Empfehlungen.

E:              Ganz meinerseits!

Ai:             Auf wiedersehn. (geht)

E:              Ach, Herr Aigner!

Ai:             Bitte, Herr Dr.?

E:              Ich vernahm, sie wären Mitglied im Diziplinarsenat Porsche Schraffl?

Ai:             Exakt. Vertreter der Hochschülerschaft. Herr Dr. fungieren selbstredend als Disziplinaranwalt?

E:              Selbstredend. Ach… Es erübrigt sich zwar, lieber Herr Aigner, da ich Ihnen die Offensichtlichkeit des Falles gar nicht nahelegen muss…

Ai:             Nun, das Gerichtsurteil wurde gesprochen.

E:              Nein, nein. Ich spreche von der Exemplarität des spezifischen Falles.

Ai:             Helfen sie mir auf die Sprünge?

E:              Wir haben es hier mit Gedankengut zu tun, das nicht einfach nur zurückgebliebenen Kriegsnachtrauerern zuzuschreiben ist. Der „Neonazismus“, wie das Phänomen seit einigen Jahren vermehrt genannt wird, muss als eigenständige Strömung angesehen werden.

Ai:             Verstehe.

E:              Dementsprechend liegt es an uns, das erstmalige Aufbäumen solcher Bewegungen in Innsbruck mit aller nötigen Härte zu unterdrücken. Sie stimmen mir zu, Herr Aigner?

Ai:             Mir war nichts von Strömungen bekannt…

E:              Ich möchte sogar noch weiter gehen, und von ganzen Netzwerken sprechen!

Ai:             Sie ereifern sich!

E:              Keineswegs. Die Polizeiakten sprechen eine deutliche Sprache.

Ai:             Mit Verlaub, Herr Dr. ich intendiere, mir ein Bild des Geschehenen zu machen, welches die Einvernahme der Beschuldigten durch den Disziplinarsenat beinhaltet.

E:              Lassen sie sich nicht von gekünstelter Reue blenden, Herr Aigner. Der Fall ist bis zum Bundespräsidentenamt bekannt.

Ai:             Wir werden sehen. Herr Dr., ich danke für das Gespräch.

E:              Herr Aigner, bedenken sie…

Ai:             Meine Empfehlung, Herr Dr.

E:              Beste Genesung den Kindern.

 

 

XII

 

 

P:

Wer „fraternisiert“
wird hier liquidiert.
Doch:
Wer mit Dimittierten spricht,
schadet ja dem Bunde nicht:
Denn:
Andre Seiten gibt es immer,
ändern könnt Ihr das ja nimmer,
Ihr wollt diese gar nicht kennen,
müsst Euch daher blind verrennen.
Sieht Feinde in Freunden
und Freunde in Feinden!

Sprechen muss man aber möglichst mit beiden!
Doch: „Selig, die unter Verfolgungswahn leiden“
Es zeigt die Geschichte, zuletzt bei den Juden,
daß immer, wenn Mißgunst und Haß sich entluden,
Die Wiedergutmachung bald alles verdreht.
Drum macht uns nicht unnütz zu Feinden und seht:
der einzige Feind, den es wert ist zu hassen,
und ihn unter Umständen auch zu vergasen
ist doch nur der ewige Jude, der heute
wie früher die dummen, weil ehrlichen Leute
bestiehlt und uns allen die Frischluft wegsaugt,
nicht ahnend, daß er nur zum Einheizen taugt.
Die Zeit wird bald kommen, darauf ist Verlaß,
da man ihn zum letzten Mal setzt unter Gas.
Dann werden auch Ihr, trotz Aktiven-Allüren,
das Feuer von Auschwitz behüten und schüren.
Wir werden, wenn auch ohne Mütze und Band,
Die Gasöfen füllen bis ganz an den Rand.
So werdet Ihr einstans bestimmt noch erkennen:
Man kann sie auch ohne Couleur „Freunde“ nennen.
Nach diesem prophetisch-versöhnlichen Schluß
erheb‘ ich, wie üblich, die Rechte zum Gruß
und verbleibe, obwohl ich das Band nicht mehr habe,
trotzdem Euer Peter, ehemals Schwabe.

 

 

XIII

 

 

 

(vom Band)

Der Disziplinarsenat für Studierende an der Universität Innsbruck, bestehend aus dem Vorsitzenden Herrn Univ.-Prof. DDr. MERZBACHER sowie den Beisitzern Herrn Univ.-Prof. Dr. Scheminsky und Herrn cand.med. Alfred Aigner von der österreichischen Hochschülerschaft, erachtet die beiden Beschuldigten, die Medizinstudenten Kuno SCHRAFFL, geb. am 9.8.1942 in Bozen und Klaus Peter PORSCHE, geb. am 8.8.1941 in Wels, Oberösterreich, einer schweren akademischen Pflichtverletzung für schuldig. Der Disziplinarsenat belegt die Beschuldigten unter Anrechnung der bekundeten Reue und der verbüßten Kerkerstrafe mit einer Disziplinarstrafe und zwar gem. § 7, Zi 1, lit. E der Hochschüler-Disziplinarordnung mit dem Ausschluss von der Hochschule, d.h. mit dem Ausschluss von der Universität Innsbruck.

Entscheidungsgründe:

Selbst unter Berücksichtigung einer hochgradigen Alkoholisierung der beiden Beschuldigten, erweist sich ihre Handlung als eine sehr schwere Straftat. Sie wurden daher wegen Verbrechen der öffentlichen Gewalttätigkeit durch boshafte Beschädigung fremden Eigentums nach § 85 lit a StG, des Vergehens nach § 306 StG und des Verbrechens des Diebstahles nach den §§ 171, 174 Id, IIa StG zu je 8 Monaten schweren Kerkers, verschärft durch fünf harte Lager, rechtskräftig verurteilt. Dabei handelt es sich nicht nur um Auswüchse von Zuständen der Alkohol-Intoleranz, sondern um Straftaten, für die die Beschuldigten eine wenn auch graduell reduzierte Verantwortung trifft. Die Schändung und Verunehrung von Ruhestätten Verstorbener bleibt immer ein jeden billig und gerecht denkenden Menschen mit Abscheu und Scham erfüllender Gewaltakt.
Als Studierende der Universität Innsbruck haben sich die beiden Beschuldigten daher einer sehr schweren akademischen Pflichtverletzung schuldig gemacht, da sie ihrer Alma Mater in der breiten Öffentlichkeit schwersten Schaden zugefügt haben, dessen Beseitigung ihnen kaum möglich sein dürfte. Die Beschuldigten haben sich schwer gegen das Standesethos des Akademikers versündigt. Es erscheint insofern nur folgerichtig, wenn die beiden Beschuldigten für die Universität Innsbruck als Studierende und Anwärter akademischer Grade für immer als unwürdig erachtet werden.
Der Disziplinarsenat konnte sich andererseits nicht der aufrichtig bekundeten Reue der beiden Beschuldigten und den Argumenten ihrer Verteidigung ganz verschließen, daß den beiden Beschuldigten für die Begehung ihrer Straftaten nur zum Teil ein Schädigungswille innegewohnt hat. Außerdem müsse die schwere Erkrankung Porsches mildernd berücksichtigt werden. Die Tat selbst hat innerhalb der Hochschülerschaft absolute Verurteilung erfahren. Aber den Beschuldigten sollte wenigstens die Möglichkeit geboten werden, ihre Läuterung durch ihre künftige tadelfreie Führung zu bekunden und sich durch eine von der verwerflichen Handlung distanzierende Gesinnung zu bewähren.
Zudem dürfte die erlittene Kerkerstrafe ihrerseits dazu beigetragen haben, den Beschuldigten die Verwerflichkeit ihrer Handlung vor Augen zu halten. Mit der Verhängung der zweitschärfsten Disziplinarstrafe in Abweichung von dem Antrag des Disziplinaranwaltes auf Ausschluss von sämtlichen österreichischen Hochschulen soll den beiden reuigen Beschuldigten Gelegenheit zur Besserung und Wiedergutmachung der von ihnen angerichteten Schäden geboten werden. Ihre künftige Führung wird beweisen, inwieweit sie die ihnen gebotene Gelegenheit zur Wiederherstellung eines einwandfreien Rufes und zur Erlangung eines wirklichen Akademikertums humanistischer Prägung zu nützen verstehen.

 

 

XIV

 

 

S:              Ihr Feiglinge!

P:              Nicht…

S:              Führt die Sache wenigstens zu Ende!

P:              Schhh…

S:              Ihr wollt uns loswerden. Na gut. Bitteschön. Aber seid so gut und erspart uns diesen entarteten Quatsch mit der Leuterung. Wir sind nicht krank. Auch nicht verwirrt. Wir denken vermutlich klarer als jeder einzelnen von euch Kalkköpfen.

P:              Genug jetzt.

S:              Was ist mit dir, Peterlein? Speiübel wird mir, wenn ich dich anseh. Besoffen am Biertisch Parolen brüllen. Im stillen Kämmerlein Gedichte schreiben. Und wenns drauf ankommt, Farbe zu bekennen, hälst du dein Verrätermaul.

P:              Bitte…

S:              Was hättet ihr getan, wenn ein Kommunist Kriegsdenkmäler auseinandergenommen hätte? Schmeißt ihr den auch von der Universität? Wie messt ihr die Härte eines Vergehens? Und wer bekommt statt der vollen Wucht der Keule die wohlwollende „Leuterung“ zu spüren? Nur die besonders bösen Jungs? Ich Scheiß auf euer Wohlwollen!
Gut… Handelt nach eurem eigenen Kalkül. Aber schreibt euch dann, um Gottes willen nicht Ideologiebefreitheit und Objektivität auf die Banner. Ihr verstauben Sesselfurzer habt ja keine Ahnung was es heißt zu leben. Zu kämpfen. Frei zu sein. Frei wie die Gedanken, die ihr nicht verurteilen und mit euren pädagogischen Beschlüssen malträtieren könnt. Frei wie es ein jeder Mann von Geburt an sein muss.
Aber was wisst ihr schon von Freiheit. Mit euren Staatspensionen und Forschungsstipendien. Mit euren Pelzmantelweibern und Luxuswagen. Dass EUCH der Jud nicht im Genack sitzt, wundert mich nicht.

Ich erkenne das Urteil des Disziplinarsenats nicht an. Ich ersuche um die Höchststrafe. Schmeißt mich in den Gasofen. Und das Peterlein gleich dazu. Der kann auch nur grad so viel Reue zeigen, wie er weit brunzen kann…

Bah! Wie feig! Wie unglaublich feig!

Der Krieg, ihr Versager, ist noch nicht vorbei.
Und die Gedanken, die wahren, die bleiben frei!

 

 

XV

 

 

(Film 3)


Von A nach B

Von A nach B

von David Baldessari

I

A und B betreten unsicher die Bühne.
In deren Mitte befindet sich eine magische Instanz1.

 

B:                                      Verehrteste Herren…

A:                                      Die Sache ist die…

B:                                      Geschätzteste Damen…

A:                                      Es scheint wie Magie…

B:                                      Wenn plötzlich…

A:                                      Wie’s selten jemals noch war…

B:                                      Stehn Auge in Aug‘ wir mit größter Gef… aaaa… was für ein Blödsinn. Das mit dem Gedicht kauft uns doch auch keiner ab.

A:                                      Nochmal auftreten?

B:                                      Ja. (zum Publikum) Verzeihung.

 

Sie gehen ab. Man vernimmt Geflüster von der Seitenbühne.
A und B treten erneut auf.

 

A:                                      Herzlich Willkommen zur heutigen Generalversammlung des Vereins zur Initiative der Erhaltung des Paragraphen zur Regelung der Formularbeschriftungen einkommenssteuerabgabenreduzierter Personengruppen mit halb- oder ganzjährigen Ausnahmeregelungen im Haupt- und/oder Nebenerwerb. Wie auf Ihren Handouts ersichtlich beginnen wir mit der Vorbereitung des Antrags auf Eröffnung der Versammlung. Dies ist Tagesordnungspunkt eins von zweiundfünfzig. Ich bitte Sie nun also…

B:                                      Psst…

A:                                      Nicht jetzt. (zum Publikum) bitte Sie also den Tagesordnungskatalog nach dem Index…

B:                                      Pssssssssst…

A:                                      Ja?

B:                                      Da hört dir keiner zu. Die schnarchen alle weg.

A:                                      Ja?

B:                                      Ja.

A:                                      Ah.

B:                                      Ja ja…

A:                                      Nochmal auftreten?

B:                                      Ja. (zum Publikum) Verzeihung.

 

Sie gehen erneut ab. Man vernimmt Stimmübungen von der Seitenbühne.
A und B treten erneut auf.

 

B:                                      Musik bitte.

 

—         Song         —

wird abgebrochen

 

A:                                      So geht das auch nicht…

B:                                      Nein.

A:                                      Nochmal rein?

B:                                      Nein.

A:                                      Fein.

B:                                      Dann müssen wir’s ihnen sagen.

A:                                      Führt wohl kein Weg daran vorbei…

B:                                      Du zuerst.

A:                                      Feigling.

B:                                      Deine Schuld – du zuerst.

A:                                      Meine was?

 

A und B verwickeln sich in ein kurzes wirres Streitgespräch.
Danach wieder zum Publikum.

 

 

II

 

 

A:                                      Es tut uns leid, aber wir haben Ihnen etwas zu beichten. Das hier ist weder ein Gedichte-Abend, noch eine Jahreshauptversammlung, noch ein Konzert.

B:                                      Schockierend, ich weiß.

A:                                      Das hier ist… das Theater-Festival Kosmodrom.

B:                                      Eine ganz wundervolle Einrichtung.

A:                                      Jubel, Trubel, Heiterkeit.

B:                                      Wäre da nicht diese Sache…

A:                                      Es ist eigentlich keine Sache. Mehr ein Umstand.

B:                                      Eine… Situation…

A:                                      Eine Beschaffenheit von Zuständen, möchte ich sagen…

B:                                      Eine Konstellation von Gegebenheiten. Eine marginal erschwerte Ausgangslage.

A:                                      Böse Zungen würden behaupten, wir hätten ein „Problem“

 

A und B lachen

(Pause)

 

B:                                      Wir haben ein Problem.

A:                                      Eben noch, kurz bevor sie kamen, haben wir hinter der Bühne nochmal unser Stück geprobt.

B:                                      Nicht dass wir das nötig hätten.

A:                                      Wir haben nur das Gefühl, wir schulden es Ihnen, liebes Publikum, so gut vorbereitet zu sein wie möglich.

B:                                      Und plötzlich, ohne Vorwarnung und völlig unerwartet… verschwindet unser Stück.

A:                                      Unser schönes Stück.

B:                                      Wir haben das extra für Sie gemacht, müssen Sie wissen.

A:                                      So ein tolles Stück hat der Dave geschrieben.

B:                                      Und einfach verschwunden.

A:                                      Das war so gut.

B:                                      Und einfach weg.

A:                                      Und WIR auch so gut.

B:                                      Zack – Weg.

A:                                      Das hatte einfach alles. Liebe, Intrige, Spaß, Spannung… und Schokolade.

B:                                      Puff. Verschwunden.

A:                                      Und Konfetti.

B:                                      Der Bösewicht (zeigt auf A) war gerade noch mitten in seinem Monolog…

A:                                      Sie wissen schon. Der große Monolog zu Beginn des dritten Aktes. Der die Katharsis in Gang setzt.

B:                                      Und wie aus dem Nichts, verschwindet das Stück.

A:                                      So wie ein Schlüssel, der durch das Kanalgitter fällt.

B:                                      Nur dass man den mit Hilfe eines Gemeindearbeiters wieder bekommt.

A:                                      So wie eine Taube, die gerade noch auf dem Balkongerüst saß.

B:                                      Nur dass die jetzt einfach einen anderen Balkon vollscheißt.

A:                                      So wie die einzelnen Milchschnitten aus den Kühlregalen verschwunden sind.

B:                                      Nur dass man da… Es gibt keine einzelnen Milchschnitten mehr?

A:                                      Fünferpackung Minimum.

B:                                      Krass… (betretenes Schweigen) Jedenfalls haben wir kein Stück für Sie.

A:                                      Jetzt werden Sie sich fragen: „Wie soll denn das gehen?“

B:                                      „Wie kann denn bitte ein Theaterstück einfach verschwinden? Das ist doch riesengroß. Mindestens zwei Stunden lang. Das muss hier doch noch irgendwo sein?“

A:                                      Und das bringt uns jetzt in die Bredouille.

B:                                      Wir haben weder ein Studium der Theaterwissenschaften noch ein Philosophiestudium vorzuweisen, das uns die detaillierten Vorgänge hinter dem Verschwinden eines Stücks erläutern könnte.

A:                                      Simple Schauspieler sind wir.

B:                                      Es ist einfach weg.

A:                                      Spielmaschinen eigentlich.

B:                                      Wir haben überall gesucht.

A:                                      Auch der Regisseur kann sich das nicht erklären. Sowas hätte es noch nie gegeben, meinte er. Und schon gar nicht am Kosmodrom.

B:                                      „Ein einzigartiger Fall in der deutschsprachigen Theaterlandschaft“ hat er gesagt. Und dann ist er gegangen. Arsch.

A:                                      Die Theaterleitung konnten wir so kurzfristig nicht erreichen.

B:                                      Ist vielleicht auch besser so… Die hätte uns zur Sau gemacht.

A:                                      „Ihr unfähiges Schauspielerpack“ hätten die gesagt.

B:                                      „Es ist unverantwortlich und dilettantisch ein Stück zu verlieren“ hätten die gesagt.

A:                                      „Euch engagieren wir nie wieder.“

B:                                      „Und traut euch bloß nicht, eine Honorarnote zu stellen.“

A:                                      Sie haben es auch nicht zufällig gesehen?

B:                                      Es ist etwa mittellang, zirka so groß (keine Bewegung der Hände), und hat mehrere Szenen.

A:                                      Vielleicht könnten Sie kurz mal unter Ihren Stühlen nachschauen?

B:                                      Oder in ihren Handtaschen?

A:                                      Möglicherweise klebt es jemandem auf der Sohle?

B:                                      Oder blockiert jemandes Parkplatz?

A:                                      Es wäre wirklich wichtig!

B:                                      Nicht nur wegen heute. Wir müssen es noch ein paar Mal spielen.

(Pause)

A:                                      Niemand?

B:                                      Schade…

A:                                      Hätte mich auch gewundert.

(Pause)

B:                                      Was wir eigentlich sagen wollten:

A:                                      Die Sache mit dem Gedicht und der Jahreshauptversammlung und dem Konzert…

B:                                      Das tut uns leid. Wir wollten Sie nicht anlügen, aber da hinten haben wir dann schon plötzlich etwas Panik bekommen.

A:                                      Schließlich haben sie ja bezahlt.

B:                                      Was sollten wir denn jetzt machen, da sie schon mal da waren?

A:                                      Und Getränke haben Sie ja auch schon.

B:                                      Es tut uns leid. Wir haben nichts vorzuzeigen.

A:                                      Kein Stück.

(Pause)

B:                                      Nö.

(Pause)

A:                                      Leider…

(Pause)

B:                                      Nicht mal ein kleines.

(Pause)

A:                                      Gar nichts.

(Pause)

B:                                      Ja dann…

(Pause)

A:                                      Tja dann werden wir mal…

(Pause)

B:                                      Sie können dann auch…

(Pause)

A:                                      Oder noch ein Getränk…

(Pause)

(Pause)

(Pause)

B:                                      Im Stück ist es ja dann meistens so, dass wenn die Hauptfigur nicht mehr weiter weiß, plötzlich etwas passiert. Da fällt dann ein Klavier vom Himmel oder er trifft die Liebe seines Lebens an der Supermarktkasse oder es passiert einfach etwas Magisches. Deus ex machina. Der Geist aus der Maschine. Die Rettung in letzter Minute, damit es doch noch ein Happy End gibt. Das wäre jetzt praktisch. Aber leider ist das nicht das Stück, sondern unser Leben. Unser echtes und richtiges Leben mit Steuererklärungen, Hämorrhoidencreme und Fernbeziehung. Das echte richtige Leben zum Anfassen. Geschenkgutschein und W-LAN Passwort. Das richtige echte leben. Vitamin D, Mieterschutzverband und Zweitageskater. Und im richtigen echten richtigen Leben passiert nicht einfach genau dann etwas Magisches, wenn man es am besten brauchen kann. Die Magischen Momente die muss man suchen. Im richtigen Leben hängt alles immer kausal…

 

Die magische Instanz vollbringt Magie. Eine Nachricht erscheint.

A und B erstarren.

 

 

III

 

 

A:                                      (liest vor) „Ich bin hier, ihr Spezialisten.“

 

A und B begutachten die magische Instanz und die Nachricht eingehend und von allen Seiten.

 

B:                                      Kann das…

A:                                      Ist das…

B:                                      Das das…

A:                                      Das Stück?

B:                                      Und, und…

A:                                      Es ist hier.

B:                                      Unser Stück!

A:                                      Unsere Geschichte!

B:                                      Der große Monolog!

A:                                      Und das zeitgenössische Bühnenbild!

B:                                      Die sensible Regie.

A:                                      Die grandiose Storyline.

B:                                      Und, und…

A:                                      Das große Finale.

B:                                      Alles da drin (zeigt auf die Instanz) ?

A:                                      Aber wie…

B:                                      Ja wie…

A:                                      Die Leute…

B:                                      Und und…

A:                                      Die können doch nicht…

B:                                      Genau.

A:                                      Da müssten wir doch…

B:                                      Eben.

 

(Pause)

 

Magie

Nachricht

 

B:                                      (liest vor) „Improvisiert, ihr Idioten.“

A:                                      Sehr freundlich.

B:                                      Es wird uns nichts anderes übrig bleiben. Seit zehn Minuten schlagen wir die Zeit tot und von den Leuten ist noch niemand gegangen. Ich glaube die wollen was sehen. Die können ihre Eintrittskarten jetzt auch nicht mehr retournieren. Vor fünf Minuten wäre das vielleicht noch gegangen, aber jetzt…

A:                                      Wir können doch nicht einfach drauf los improvisieren. Das wird doch nix.

B:                                      Du kannst es ja nochmal mit der Generalversammlung versuchen.

A:                                      Sehr witzig. Wenn DU nicht so falsch gesungen hättest…

B:                                      ICH? Was du da machst, darf man ja gar nicht als singen bezeichnen. Das grenzt ja an Körperverletzung!

A:                                      HA! Hättest du besser auf unser Stück aufgepasst, wären wir nicht…

B:                                      ICH? Während wessen Monolog ist es denn verschwunden?

A:                                      JA EBEN! ICH KANN DOCH NICHT GLEICHZEITIG MONOLOGISIEREN UND AUF DAS STÜCK AUFPASSEN!

B:                                      WAS KANNST DU DENN ÜBERHAUPT? DU ZWEITKLASSIGE BÜHNENHURE? Du bist doch nicht mal…

A:                                      ICH KANN DIR DIE FRESSE POLIEREN, DAS KANN ICH!

 

Magie

Nachricht

 

B:                                      (liest vor) „Ihr schafft das. Ihr Klabautermänner“

A:                                      Findest du nicht auch, dass das ganz schön beleidigend ist?

B:                                      Findest du nicht auch, dass du ganz schön empfindlich bist?

A:                                      Also gut. Was zuerst?

B:                                      Was ist der unumgängliche Grundpfeiler einer jeden Geschichte?

A:                                      Wer steht gestählt und umringt von willigen und sexuell unverhältnismäßig attraktiven Individuen des präferierten Geschlechts als Fels in jeder Brandung?

B:                                      Wer repräsentiert die Verkörperung unterdrückter Kindheitsträume und ist Träger unserer uneingeschränkten Sympathie, auch wenn er sich gemessen an gewöhnlichen moralischen wie gesellschaftlichen Regeln wie ein Psychopath verhält?

A:                                      Chuck Norris?

B:                                      Nein. Wir brauchen…

 

 

IV

 

 

A und B:                        Einen HELDEN

 

Improvisation „Krönung eines Helden“
Text nicht zwingend nötig, kann sich jedoch aus der Improvisation ergeben. Am Ende wird A zum Helden gekrönt.

 

A:                                      (zum Publikum) Erstarrt vor mir, Sterbliche. Erbebt in Ehrfurcht. Fleisch gewordene Hoffnung bin ich. Personifiziertes Glück. Die Erlösung, die sich über eure Rationalisierungen erhebt. Eure Weiber führt zu mir, auf dass sie in guter Hoffnung mit dem Sprosse meiner fruchtbaren Lenden zu euch zurückkehren. Eure Kinder führt zu mir, auf dass ich sie Visionen lehre und ihren Geist öffne. Eure Feinde will ich zerschlagen, dass sie nimmer erstehen. Und voller Demut will ich euren Dank annehmen. Ich bin die Stimme der Stummen. Die Augen der Blinden. Die Faust der gebrechlichen und der Fußtritt im Arsch all jener, die meinen Großmut nicht erkennen. MAKE THIS STORY GREAT AGAIN. Ladet ab, auf meinen Schultern, was euch bedrückt. Erbrecht die Schranken, die euch trennen von mir. Kommt zu mir, …

B:                                      Bla bla…

A:                                      Unwürdiger.

B:                                      Schlag keine Wurzeln. Los geht’s!

A:                                      Verstumme, Wurm! Wie kannst du es wagen deinen Herrn und Meister so zu…

B:                                      (mit verstellter Stimme) HILFE! HILFE! Großes Unrecht geschieht!

A:                                      Wie? Eine für den weiteren Verlauf meiner Reise unbedeutende Figur überbringt mir Kunde eines großen Unrechts? Eine Prinzessin verlangt nach Rettung? Die Erde muss vor der Zerstörung bewahrt werden? Die Galaxie ist in Gefahr? Und einzig ich kann die Geschicke wieder ins Gleichgewicht bringen? (nebenbei) Der Grund hierfür liegt vermutlich in meiner genetischen Veranlagung. Höchstwahrscheinlich ist ein Elternteil oder naher Verwandter nämlich…

B:                                      Pssst… Nicht vorgreifen!!

A:                                      Oh…

B:                                      Also! Aufbruch!

 

 

V

 

 

Improvisation „Aufbruch“
Musikunterlegt (Blues Brothers – Rawhide)
Endet vor der magischen Instanz.

 

A:                                      Und nun?

 

Magie

Nachricht

 

B:                                      (liest vor) „Muss man euch denn alles vorkauen, ihr Gaukler?“

A:                                      Ich kann so nicht arbeiten…

B:                                      Jetzt reiß dich zusammen. Wir sind schon so weit gekommen. Tief durchatmen. Logisch denken. Was kommt als nächstes? Vermutlich wird der Held…

A:                                      Sterben?

B:                                      Nein

A:                                      Sich verlieben?

B:                                      Nö

A:                                      Zu Burger King fahren? Seit wir von den Milchschnitten geredet haben hab ich so einen Hunger…

 

Magie

Lange Nachricht (Schriftrolle die sich über die Bühne aufrollt?)

 

B:                                     (liest vor) Nachdem der Held sein Abenteuer begonnen hat, gibt es kein Zurück mehr. Die Bedeutungsebenen des Aufbruchs korrelieren diesbezüglich mit der Sequenz… murmel… murmel… murmel… Extraktion der hypothetischen … murmel… murmel… trifft der Held Verbündete… “

A schnappt sich einen Zuseher

B:                                      „…murmel… murmel… löst mit deren Hilfe komplexe Aufgaben und Rätsel… murmel… murmel…“

A zieht ein Sudoku hervor und beginnt es mit dem Zuseher zu lösen

B:                                      „… murmel… murmel… den Archetypen des Tricksters, welcher durch witzige Einfälle oder Anekdoten… murmel…“

A erzählt einen Witz (lässt den Zuseher einen Witz erzählen?)

B:                                      „… murmel… erscheint der Gestaltwandler, ein Mischwesen aus… murmel… murmel… „

A zieht sich um

B:                                      „… murmel… murmel… in der Meta-Ebene symbiotisch akkumulierende Relationen… murmel murmel…“

A zuckt mit den Schultern

B:                                      „…murmel… murmel… findet sich schließlich…“ AH HIER! „…findet sich schließlich vor der dunklen Höhle wieder, in welcher ihn sein Widersacher, der Antagonist erwartet.“

A:                                      Hey! Gar keine Beleidigung!

 

Magie

Nachricht

 

B:                                      (liest vor) „Ihr Kleingeister“

 

 

VI

 

 

B:                                      Dunkelheit ist nicht alleine die Beschreibung von Lichtverhältnissen. In einem hell erleuchteten Raum kann Dunkelheit herrschen. Sie ist auch –entgegen der kommerziellen Meinungsbilder- nicht schlecht oder böse. Sie ist nichts zu vermeidendes, da sie nicht vermeidbar ist. Die Dunkelheit bedingt das Licht und umgekehrt.
Zu sagen, die Gesetze der Dualität würden unsere Leben bestimmen, ist wie zu sagen, die Gesetze der Physik würden den Ausgang eines Fußballspiels bestimmen.
Sie bestimmen nicht. Sie sind einfach da. Näher kommen wir nicht, zu einer allgemeingültigen Aussage. Zwei unerreichbare Pole. Gegenübergesetzt. Eine Linie mit unendlicher Ausdehnung in beide Richtungen. Und die unendlich vielen Graustufen auf dem Weg in die eine oder andere Unendlichkeit. Hier spielt es sich ab. Alles. Steuererklärungen, Hämorrhoidencreme, Fernbeziehung, Geschenkgutschein, W-LAN Passwort, Vitamin D, Mieterschutzverband und Zweitageskater. Die Graustufen auf einer einachsigen Skala. Denn woraus besteht Grau? Schwarz und weiß.
Ying und Yang. Mann und Frau. Gut und Böse. Ein und Aus. Ja und Nein.

Auf dieser Skala sich unser Held in immer dunklere Gefilde. Es reift die Erkenntnis in ihm, dass es nicht die Person des Antihelden ist, mit der der eigentliche Finalkampf ausgetragen werden muss (dem wäre er furchtlos gegenübergestanden), sondern ein weitaus stärkerer Gegner. Der Antiheld in ihm. Die Dunkelheit im Kern des Lichts. Der Kontrahent hat sein ganzes Leben auf ihn in ihm gewartet.
Diese Erkenntnis erschließt sich ihm allerdings erst, als er aus der gewohnten Umgebung, der Komfortzone ausbricht um…

 

 

VII

 

 

A:                                      Um?

B:                                      Warte…

A:                                      Auf?

B:                                      Psst…

A verstummt

B:                                      Das ist es doch!

A:                                      (ungläubig) Nein!

B:                                      Natürlich. Das ist doch unser Stück.

A:                                      Bist du sicher? Ich hatte das irgendwie anders in Erinnerung…

B:                                      Nein nein. Denk doch mal nach! Das ist es!

A:                                      Also, ich weiß nicht…

B:                                      (erregt) Hier ist es doch! Es war die ganze Zeit hier! Der Held, der Aufbruch, die Reise, Verbündete und der ganze Scheiß… Denk doch nach! Hier! Genau das! Unser Stück! (nimmt Textbuch vom Technikpult) Hier steht es sogar. (liest den Text)

A:                                      Naja… Das ist doch jetzt auch nur relativ…

B:                                      Nein nein! Wir müssen nur wieder einsteigen wo wir es verloren haben. Komm. Auf Position für deinen großen Antagonisten-Monolog.

A:                                      Ich möchte lieber nicht…

B:                                      Na los! Wir können den Abend noch rumdrehen. ES IST WIEDER DA! Verstehst du das nicht? Hop! Beginn des dritten Aktes! Der Antagonist tritt auf!

A:                                      Nein!

B:                                      Nein?

A:                                      Nein.

B:                                      Nein.

A:                                      Ich bin der Held.

B:                                      Du…

A:                                      Hier dreht es sich endlich einmal um mich. So kurz vor dem Ziel werd ich nicht wieder umkehren.

B:                                      Was denn für ein Ziel? Wir sind in die falsche Richtung gerannt!

A:                                      Für dich vielleicht. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich muss mich auf den finalen Kampf vorbereiten. Und wenn ich mich nicht irre, bleibst für die Rolle des Antagonisten in dieser Geschichte nur mehr du übrig.

B:                                      Nein! Das war doch nur eine Nebenhandlung. Das eigentliche Stück ist doch noch hier! Zum letzten mal jetzt. Auf Position für den Antagonisten-Monolog.

A:                                      Vergiss es. Immer bekommst DU alles in den Arsch geschoben. Diesmal nicht. Das Publikum hat sich einen Helden gewünscht, und es hat den Helden bekommen, den es verdient. Zurück in deine Höhle, Wurm!

B:                                      Ach… Held, Antiheld. Das ist doch alles Relativ. Hast du nicht zugehört!

A:                                      ICH BIN NICHT RELATIV!

B:                                      Nein, du bist größenwahnsinnig. Seit wann lässt man Dilettanten Helden spielen?

A:                                      Ein Wort noch…

B:                                      Und dann? Polierst du mir wieder die Fresse, du drittklassiger Zirkusclown?

A:                                      Schweig!

B:                                      Du kriegst doch nicht mal dir Rolle des Baums im Weihnachtsmärchen…

A:                                      (stürmt auf ihn zu) AAAAARRRRRHHH!!!

 

Improvisation „Kampf“
Endet darauf, dass beide erschöpft am Boden liegen/knien

 

 

VIII

 

 

A:                                      Und was kommt jetzt?

 

Magie

Nachricht

 

B:                                      (liest vor) „Der Finale Kampf, ihr Vollpfosten“

A:                                      Wozu eigentlich? Gibt’s da was zu gewinnen?

B:                                      Das Elixier.

A:                                      Klingt lecker. Was ist das?

B:                                      Das kann alles sein. Eine Milchschnitte oder ein Zaubertrank. Ewige Jugend, die große Liebe oder langweilige Selbsterkenntnis.

A:                                      (zur Bar) Können wir zwei Elixier haben?

 

BarkeeperIn stellt zwei Bier auf die Theke.
A und B stellen sich an die Bar. Stoßen an. Beginnen zu trinken.

 

B:                                      Wie geht’s eigentlich deinem Basilikum?

A:                                      Richtig fette Ernte, dieses Jahr.

B:                                      Geil. Pesto gemacht.

A:                                      Kiloweise. Deine Mutter aus dem Krankenhaus zurück?

B:                                      Seit letzter Woche, ja…

A:                                      Super. Wie geht’s ihr?

 

Der Smalltalk nimmt seinen Lauf
Das Licht geht langsam aus…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ende


Die kleine Eidechse

Die kleine Eidechse

von GONZO SACHERTORT

Mobile Schauspielproduktion. Empfohlen ab 8 Jahren.

 

Das Zentrale Bühnenelement bildet eine übergroße Kiste (Pappkarton), welche die Aufschrift KISTE trägt.

Hieraus werden sämtliche Requisiten entnommen.

In einer etwas kleineren Kiste mit der Aufschrift BOX steckt eine Musikbox, die mit einem Mikrofon verbunden ist.

 

 

 

I

 

 

A und B betreten die Bühne.

 

A beginnt sich sofort an das Ausräumen der Kiste zu machen, sämtliche Requisiten wild im Raum zu verstreuen und voll kindlichem Esprit Lametta und/oder Konfetti auf Boden, Requisiten, Möbeln und Infrastruktur zu verteilen.
Ungeachtet seines Kollegen B, richtet er sich die Bühne liebevoll doch mit kindlichem Übermut so ein, wie es ihm gerade in den Sinn kommt.

 

B hält einen Plan in der Hand und richtet sich nervös an das Publikum.

 

B:          Liebe K… K… Kandidatinnen und Kandidaten. Verehrte A… A… Aspiranten und Apsirantinnen. Die Vorstellung verzögert sich leider noch um einige Minuten weil das Bühnenbild noch nicht ganz so ist wie wir… wie ich… es uns äh… mir vorgestellt habe. Ich kann euch in der Zwischenzeit einen Plan zeigen, wie es aussehen wird. (zeigt den Plan herum) Schließlich ist es eine ERNSTZUNEHMENDE Vorstellung (A bläst Luftschlangen in den Raum) Es kann höchstens noch ein paar Minuten Dauern. Wie ihr sehen könnt, handelt es sich hier um ein Bühnenbild im Biedermeier-Stil, das gerade (A zündet eine Tischbombe) aufgebaut wird. Derweil hier das Bild. (zeigt den Plan erneut) Gleich geht’s los (A wirft wie wild mit Lametta um sich) wenn ihr derweil noch kurz Geduld haben könntet…, liebe Kondi… KANDIDATEN und ASPIRANTINNEN… Wir haben kleine tschechische… TECHNISCHE Schwierigkeiten (eine Zweite Tischbombe explodiert; A: Huiiiiii), das ist aber kein Weltuntergang. Die Vorstellung findet natürlich trotzdem statt; die Eintrittskarten können nicht (A schaltet laute Musik an) umgetauscht werden.
B (schreit und wird zunehmend unruhiger):  Es muss jetzt wirklich jede Minute los gehen mit unserer ernstzunehmenden Vorstellung. Der (Musik wird kurz lauter) richtet gerade alles… macht gerade die letzten… Die Musik wird… Also der Plan war… Das Bühnenbild… Biedermeier… Liebe… Apothek… Aspirin… Die Vorstellung beginnt in… Einen Moment! (geht zur Musikanlage und schaltet sie aus)

 

B (zu A):   Sag mal, kannst du dich mal am Riemen reißen? Die ganzen Leute (Kinder) sind schon da und warten. Und die Bühne sieht überhaupt nicht aus wie auf dem Bild. BIEDERMEIER!

 

A:          Was? Biene Maja?

 

B:          BIEDERMEIER!

 

A:          Achso… Biedermeier (hängt ein Lametta um) So?

 

B:          NEIN! Nicht SO! Wie sieht das denn hier aus? Das soll eine ernstzunehmende Veranstaltung werden. Und was sollen wir denn mit diesem Chaos anfangen?

 

A:          Ich hab schon angefangen.

 

B:          Ja aber.. aber… Womit denn?

 

A:          Mit der (wirft Lametta in die Luft) VORSTELLUNG!

 

B (laut):   Das ist doch keine Vorstellung! Das kann doch niemand ernst nehmen. Wie sollen wir denn so neue Mitglieder bekommen? Die denken sich doch schon alle „Was sind das denn für welche?“ So wird nie jemand in unseren Club wollen! Jetzt räum das hier zusammen und dann fangen wir endlich mit unserer Vorstellung an!

 

A (schaut kurz ins Publikum): Ich glaube die denken sich eher „Was hat der denn?“ MEINE Vorstellung scheint ihnen gut zu gefallen…

 

B:          Ganz Falsch. Die denken sich nämlich „Was macht der denn für ein Chaos hier?“ Und wenn wir jetzt nicht bald mit der Vorstellung anfangen, werden die sich denken „Ich hätte eigentlich was Besseres zu tun, als den beiden hier beim streiten zuzusehen. Zum Beispiel Rasen mähen.“ und dann werden die anfangen rauszugehen und sich zu denken „Wo war denn jetzt die kleine Eidechse?“ und „Wo bekomme ich mein Geld zurück?“ und „Was soll das denn für eine Vorstellung gewesen sein?“

 

A:          Ich denke, du denkst zu viel darüber nach, was andere denken. (drückt B etwas Lametta in die Hand und fährt fort, den Raum zu verzieren)

 

B (wirft Lametta zu Boden):   Kannst du bitte mal damit aufhören? Ich habe mir hier ernstzunehmende Programmpunkte ausgedacht und Tage… Monate… JAHRE für die Vorstellung geübt. Ich habe ANMELDEFORMULARE für unseren Club ausgedruckt und vorne beim Ausgang aufgelegt. MIT ABTRENNBARER VORFRANKIERTER PERFORIERTER und VORSIGNIERTER Informationsbroschüre. Ich habe ein Bühnenbild entworfen und LAMINIERT! (zum Publikum) Wisst ihr überhaupt wie viel Arbeit laminieren ist?

Und du machst einfach was du willst?

 

A:          Genau.

 

B:          Jetzt komm hier her! Und wenn du schon nicht bei der Vorstellung mitmachen willst, dann erzähl jetzt wenigstens den Leuten warum wir streiten.

 

A:          Ich streite ja gar nicht.

 

B (schreit):   HIER HER!

 

 

II

 

A:          Vor einiger Zeit war uns ziemlich oft langweilig. Wir haben gemacht, was alle so gemacht haben. Pommes essen, Kröten dressieren, Fahrrad fahren

 

B:          Dämme bauen, Telefonbuchweitwurf, Maiskolben klauen.

 

A:          Münzen auf Bahnschienen legen damit ein Zug darüber rollt, Schachfiguren schnitzen, Baumhütten bauen, Buchstabensuppenbuchstaben sammeln, Lagerfeuer auspinkeln und Ameisen züchten.

 

B:          Eben alles was alle machen. Ihr ja sicher auch oder?

 

A:          Aber irgendwann war das nicht mehr genug. Irgendwann war uns trotz Regentanz, Seifenkistenrennen und Brettspiele erfinden immer öfter langweilig.

 

B:          Zu erst haben wir versucht, die Sachen die wir gemacht haben, einfach ein bisschen zu verändern, damit die Langeweile erst gar keine Chance bekommt.

 

A:          Wir haben statt Rückwärtssaltos Vorwärtssaltos geübt.

 

B:          Statt Fahrradslaloms Rollschuhabfahrten veranstaltet.

 

A:          Statt Polsterburgen Sofaschlösser entworfen.

 

B:          Aber das half nur eine Zeit lang.

 

A:          Die Langeweile hat es irgendwann trotzdem geschafft.

 

B:          Dann haben wir uns gedacht, wir könnten unseren Hobbys einfach an anderen, spannenden Orten nachgehen.

 

A:          Da würde uns bestimmt nicht langweilig.

 

B:          Wir haben auf dem Garagendach EXTREM-Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt.

 

A:          Wir haben unsere Sockenhockeyturniere im Italienurlaub ausgetragen.

 

B:          Aber auch das hat nichts genutzt.

 

A:          Die Langeweile ist auf der ganzen Welt zu Hause.

 

B:          Letztendlich haben wir versucht, die Sachen die wir gemacht haben, einfach länger zu machen, damit der Langeweile selbst langweilig wird.

 

A:          Wir haben Stunden lang Seifenblasenwettfliegen veranstaltet.

 

B:          Wir haben Tage lang Buntstifte gespitzt, bis wir keine Stifte sondern nur mehr Buntspäne hatten.

 

A:          Wir haben Wochen lang diese kleinen Luftpolster auf diesen riesigen Verpackungsfolien zerplatzen lassen. Kennt ihr die?

 

B:          Wir haben Monate lang Pfirsichkernen beim Wachsen zugesehen.

 

A:          Wir haben Jahre lang Sandburgen gebaut.

 

B:          Riesige Sandburgen.

 

A:          Ganze Sandstädte.

 

B:          Sandländer.

 

A:          Sandplaneten.

 

B:          Ganze Sandsonnensysteme haben wir gebaut.

 

(Pause)

 

A:          Aber irgendwann kam die Langeweile.

 

B:          Wir haben bemerkt, dass alles irgendwann langweilig wird, wenn man eine lange Zeit nichts anderes macht.

 

A:          Das war ein Schock!

 

B:          Da hätten wir fast aufgegeben.

 

A:          Waren kurz davor, einfach langweilig zu werden.

 

B:          Und im letzten Moment kam uns die Idee.

 

A:          Die Idee der Stunde, des Tages, der Woche, des Monats, des Jahres, überhaupt aller Zeit.

 

B:          Die beste Idee des ganzen Sandsonnensystems.

 

A und B:    Wir gründen einen KLUB!

 

B:          Ein Klub in dem uns nie langweilig sein würde.

 

A:          In dem alles darf und nichts muss.

 

B:          Ein Klub der langweilige Aktivitäten systematisch aussperrt.

 

A:          In dem alle tun und lassen können, was sie wollen (solange niemand verletzt wird, versteht sich).

 

B:          Ein Klub mit einer offiziellen Klubband und einem offiziellen Klubsong. Offiziellen Klubstatuten und Klubveranstaltungen.

 

A:          Wir nannten ihn

 

A und B:    Klub Irrsinnig Super Toller Ereignisse – K.I.S.T.E.

 

A:          Kurz: Kiste

 

B:          Und wir hatten auch sofort schon zwei Mitglieder.

 

(A und B zeigen auf)

 

 

 

III

 

Teil III ist weitestgehend der freien Interpretation der Theaterschaffenden überlassen. Inhaltlich soll ein Einblick in Clubaktivitäten im Vordergrund stehen, bei denen sich erste Differenzen zwischen A und B bemerkbar machen.
Dem Text entsprechend ist das Einführen einer Flöte gegen Schluss des dritten Teils jedoch zu empfehlen.
Zur Orientierung / als Beispiel folgt die Dokumentation des Teil III bei der Uraufführung:

Einzelne Klub-Aktivitäten werden in Form von kurzen Pantomime- oder Requisitenspiel-Episoden zu einer Composition zusammengefügt.

Die Kiste, in welcher sich die Haupt-Requisiten zu diesem Zeitpunkt bereits wieder befinden müssen, steht längs in der Mitte der Bühne, und teilt die Spielfläche somit in zwei gleich große Teile. A und B nehmen jeweils eine Bühnenhälfte für sich ein, um die Systematik der Episodenhaftigkeit zu unterstreichen. Es gibt eine Ausgangsposition für jeden Charakter, von der aus er dem anderen ein spielerisches Angebot macht, auf welches dieser zunehmend wiederwillig (B) oder zunehmend euphorisch (A) einsteigt.

 

In der Entwicklung und Erstaufführung sieht die Composition aus wie folgt:

 

  • A und B zeigen auf; stehen jeweils in ihrer Bühnenhälfte, nahe der Kiste
  • Auf einen Musik-Cue greifen sie synchron nach den beiden Regenschirmen in der Kiste und beginnen einen einstudierten Fechtkampf. (Musik: Ritter)
  • B ändert die Musik auf „Race“, gibt A das Requisit „Sonnensegel“ in die Hand und beginnt aus dem Requisit „Notenständer“ ein Motorrad zu basteln.
  • Es beginnt ein Motorradrennen zur Musik.
  • Die Musik ändert sich auf „Zauber“
  • A setzt sich zu B’s Füßen und sieht ihm bei dessen Zaubershow zu.
  • Die Musik ändert sich auf „Limbo“
  • A streckt das Requisit „Regenschirm“ wie eine Limbo-Stange in die Luft. Die erste Runde Limbo schafft B ohne die Stange zu berühren. Bei der zweiten Runde berührt sein Bauch allerdings die Stange, die daraufhin gemeinsam mit B auf den Boden fällt.
  • Die Musik verstummt.
  • B gibt A das Requisit „Regenschirm“ in die Hand, symbolisiert mit seiner Flöte eine Angelrute die er auswirft und bleibt ruhig und gelassen stehen. A versucht es ihm mittels dem Requisit „Regenschirm“ gleichzutun.
    Eine kleine Choreographie mit den Angeln beginnt.
  • Leise Musik („Fischtanz“) ertönt.
    Die Musik wird immer lauter.
    Als die Musik Zimmerlautstärke erreicht tanzt A aus dem Off an B vorbei, das Requisit „Fischhelm“ auf dem Kopf. Mit A’s erneuten Verschwinden im Off verstummt auch die Musik langsam.
  • Mit komplettem Verklingen der Musik stürmt A ohne Fisch-Helm wieder herein, und bastelt aus der Kiste ein Kanu.
  • Die Musik „Indiana Jones“ ertönt.
  • Im Kistenkanu findet eine Wildwasserfahrt statt.
  • Die Musik ändert sich auf „Catwalk“
  • Die Kiste kommt an ihren ursprünglichen Platz zurück, während links und rechts von ihr eine Modenschau stattfindet.
  • Die Musik verstummt.
  • B stellt währenddessen das Requisit „Notenständer“ auf und platziert einige Notenblätter darauf. Er drückt A eine Flöte in die Hand, nimmt seine eigene aus dem Halfter und deutet seinem Kollegen an, er möge mit Ihm gemeinsam da Lied auf dem Notenblatt spielen.
    A produziert nur schiefe Töne auf seiner flöte, also nimmt B sie ihm wieder ab und fährt fort, das Stück alleine zu spielen.
    A sieht einige Sekunden lang zu. Dann nimmt er sich das Requisit „Kazoo“ aus der Hosentasche und beginnt ausgelassen zu solieren. Er steigert sich mehr und mehr in sein Solo, ohne auf B’s Flötenlied Rücksicht zu nehmen.

IV

 

 

B:          NEIN! SCHLUSS! AUS! So geht das nicht!

 

A:          Was ist denn?

 

B:          Hör gefälligst auf, dich wie ein Kleinkind zu benehmen!
Ich versuche hier ernsthafte Ideen in den Klub zu integrieren, die uns nachhaltigen Nutzen bringen und du hast nichts Besseres zu tun, als wie ein Irrer herumzublödeln.

 

A:          Aber… Aber ich dachte, wir wollten uns nicht mehr langweilen?

 

B:          Ich langweile mich ja nicht. Ich übe beispielsweise die Flöte, damit ich irgendwann ein ernstzunehmender Flötenspieler sein werde. Was ist daran denn langweilig?

 

A:          Also… Alles!

 

B:          Wenn du das so siehst, dann wirst du dich eben ein bisschen langweilen müssen. Ich übe jetzt jedenfalls die Flöte. Wenn du mich also entschuldigen würdest, ich muss mich konzentrieren und habe zu arbeiten.

 

 

B geht zum Notenständer und beginnt erneut auf der Flöte zu spielen. A steht etwas verdattert abseits und hört einige Sekunden zu. Dann geht er auf den höchst konzentrierten B zu und tippt ihm auf die Schulter. Dieser unterbricht.

 

A:          Es heißt „ein Instrument spielen“, nicht „ein Instrument arbeiten“.

 

B (stutzt kurz): Ach was… (möchte weiterspielen)

 

A (unterbricht ihn): Wieso soll ICH mich langweilen müssen, aber du nicht?

 

B:          Na, so ist das eben in einem Klub. Man macht wichtige Dinge, die einen einmal im Leben weiterbringen. Man muss vernünftig sein, sonst hat der ganze Klub gar keinen Sinn. Man tut nicht einfach immer nur was man will, sondern hält sich an Regeln. Jeder gute Klub funktioniert so. Und das ist nicht langweilig sondern… Erwachsen!

 

A:          Dann will ich nicht mehr im Klub sein. (möchte abgehen)

 

B:          Warte, warte! (A bleibt stehen)
Na gut. Wie möchtest DU denn den Klub haben.

 

A (überlegt kurz): Ich will keine Regeln und kein Erwachsenseinmüssen. Ich will nicht vernünftig sein müssen und auch nicht Dinge machen, die mich im Leben weiterbringen. Ich will keinen Sinn machen. Ich will tun was ich will. Sein was ich will. Die phantastischsten Abenteuer erleben und die verrücktesten Ideen haben.
Und ich will mich nie nie wieder langweilen.

Will nicht immer Sinn ergeben
spielen, lachen, singen, leben.
Ohne Regeln, ohne Ziel,
Erwachsen sein, wer das schon will…

Hier soll unsere Chance bestehen,
nur noch eigene Wege zu gehen.
Abenteuer Phantasie,
Zahnlücke und schwarze Knie.

Traum, Vision und Spinnerei’n
soll’n im Klub hier möglich sein.
Denn draußen warten sowieso,
Schule, Arbeit und Büro.

 

 

B:          Schönes Gedicht.
Doch überzeugt hast du mich damit nicht.

Wer nur spielt und niemals lernt,
hat sich von sich selbst entfernt.
Besser werden hat partout
mit Langeweile nichts zu tun.

Eifer, Fleiß und Notendruck
geben dir den nöt’gen Ruck
damit du deine Träume erst
richtig zu verstehen lernst.

Regelwerk und Konsequenz
sind die nötige Essenz
die den Klub am Leben hält
und uns bildet, für die Welt.

 

(Pause)

 

A und B stehen eine Weile still da und lassen das gesagte wirken; wohl wissentlich, dass so gravierend unterschiedliche Ansichten das Potenzial haben, ihre Freundschaft zu zerstören.

 

 

A (leise):  So kommen wir auf keinen grünen Nenner.

 

B (leise):  So kommen wir auf keinen gemeinsamen Zweig.

 

A:          Wenn zwei in einer Sache so verschieden sind, kann ein Klub nicht funktionieren.

 

B:          Ich dachte, dass Klubs genau dazu da wären. Dass innerhalb des Klubs alle Meinungen gleich sind. Und dass eben deshalb Frieden herrscht, im Klub.

 

A:          Wie soll denn das gehen?

 

B:          Naja… Jedes Mitglied stellt sich in den Dienst des Klubs und stellt seine persönlichen Anliegen hinten an.

 

A:          Das funktioniert ja nicht mal bei uns zweien. Wie soll das erst bei den ganzen großen Klubs wie Fußballvereinen oder Politikparteien funktionieren?

 

B:          Vielleicht ist es umso schwieriger, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen, je kleiner der Klub ist. Vielleicht geht das leichter, wenn man mehr ist.

 

A:          Vielleicht sind GANZ VIELE kleine Kompromisse leichter, als EIN ganz großer.

 

B:          Das würde bedeuten…

 

A:          Wir brauchen…

 

B:          Mehr…

 

A und B:    MITGLIEDER

 

B:          Und wie sollen wir das anstellen?

 

A:          Wir machen eine SHOW. Eine Vorstellung unseres Clubs. Wir mieten dafür den/die (-Spielort einfügen-), laden jede Menge Leute ein und zeigen denen, was unser Klub alles kann!

 

B:          Grandios! Und jeder von uns soll zeigen dürfen, was er will.

 

A:          Und so werden wir der größte Klub des ganzen Sandsonnensystems.

 

B:          Wir fangen SOFORT mit den Vorbereitungen an. Du zu erst. Was möchtest du bei der Vorstellung zeigen?

 

A:          ICH         MÖCHTE       TANZEN

 

A macht beschwingte Musik an und beginnt einen soeben im Moment entwickelten Tanz zu performen. B sieht ihm schmunzelnd zu. Nach kurzer Zeit stellt sich A neben B hin und animiert ihn zum mitmachen. Dieser schüttelt lächelnd den Kopf. A macht einen Tanzschritt vor und blickt B erwartungsvoll an. Dieser tanzt nach der Überwindung erster Scheu halbherzig den vorgemachten Schritt nach. Dies wiederholt sich zwei bis drei mal, bis B schließlich voller unterdrückter Wut die Musikanlage ausschaltet und mit gespielter Freundlichkeit sagt

 

B:          Jetzt bin ich dran OK?

 

A (stutzt etwas ob des abrupten Musik-Endes): Klar. Was willst du machen?

 

B:          Ich möchte den Gästen eine Kakao-Verkostung anbieten!

 

A:          Eine WAS?

 

B:          Pass auf…

 

B richtet sich an das Publikum

 

B (hochgestochen):  Verehrtes Publikum, zu Beginn nehmen wir uns dieser hervorragenden Ovomaltine aus einem Viertel handelsüblichem Pulver und drei Vierteln Vorarlberger Bergbauern-Heumilch an. (riecht umständlich an einer imaginären Tasse) Eine ausgesprochen kräftige Nase mit feinporigen Aromen von Zedernholz, Katzenfutter und Chupa Chups.

 

B nimmt einen winzigen Schluck aus der imaginären Tasse, schmeckt, gurgelt, spuckt
A beginnt ihn pantomimisch nachzuäffen.

 

B:          Mhm… Mhm… Vielschichtige Aromenstruktur… Körperreich aber gschmeidig… Wunderschön ausgereift… Strebt dem Höhepunkt zu…

 

A versärkt –für B unsichtbar- das Nachäffen.

 

B:          Mhm… Mhm… Farblich assoziiert man Regenpfützen im Frühherbst. Sehr gehaltvoll…

 

B:          Als direkten Vergleich hier nun einen Nesquick-Cuvee aus zwei dritteln Pulver und einem Drittel Schokosauce, verfeinert mit teilentrahmter peruanischer Alpakamilch. (riecht umständlich an einer imaginären Tasse) Der Nesquick besticht in der Nase durch unkonventionelle Aromendichte von Rosenblüten, Gummihandschuhen und …Hühnerstall… (nimmt einen winzigen Schluck aus der imaginären Tasse, schmeckt, gurgelt, spuckt)
Vollfruchtig mit Charakter… Sehr frisch und spritz…
(bemerkt dass ihn A veräppelt – fährt etwas gereizt fort)
Verehrtes Publikum. Leider ist es mir nicht vergönnt die Kakao-Verkostung fortzuführen, doch ich bin mir sicher, dass Mein Kollege einen ebenso spannenden Programmpunkt vorbereitet hat. (zu A) Oder?

 

A:          Darf ich ihnen meinen selbst gebauten Roboter vorführen?

 

B vergräbt das Gesicht in den Händen

 

A:          Den Thermonuklearen multifunktionalen…

 

B (hat eine Idee): Moment…

 

A:          …super effektorischen…

 

B:          …BASTELN!

 

A:          …evo-neuronalen Mega Atomar Generator!

 

B:          Etwas Basteln. Etwas erbauen. Das ist keine schlechte Idee.
Seit Wochen… Monaten… Jahren (!) möchte ich ein ernstzunehmender Origami-Künstler werden. DAS ist die Gelegenheit endlich mein neues Hobby in Angriff zu nehmen und mir das Origami falten bis zur Perfektion beizubringen!

 

A:          Wenn du meinst…

 

B nimmt ein Blatt Papier und beginnt voller Konzentration Origami-Figuren zu falten und das Basteln leise zu kommentieren, während sich A hinten auf der Bühne mit dem Mikrofon in Position bringt. A beginnt unter Produktion der dafür nötigen Soundeffekte über das Mikro seinen eigenen Roboter zu mimen. Langsam richtet er sich auf, geht schritt für schritt auf B zu und winkt ihm in Roboter-Manier zu. Hier sind auch andere Aktivitäten des Roboters denkbar, solange sie nicht übergriffig oder offensichtlich provokativ sind. Als ihm der Roboter mit abgelecktem Finger ins Ohr fahren möchte fühlt sich B in seinem Origami falten erneut gestört und springt auf.

 

B (verärgert): JA WAS DENN? Wie soll ich mich denn da konzentrieren?

 

A:          Entschuldige, ich dachte…

 

B (unterbricht; noch immer verärgert):  GAR NICHTS dachtest du. Du machst einfach ohne zu Denken. So werden wir nur Leute in unseren Klub kriegen, die auch nicht denken wollen. Das wird ein UNDENKBARER Klub!

 

A (rudert zurück):  Okay okay… Entschuldige. Was möchtest du denn machen?

 

B:          Ich möchte eine Kakao-Verkostung machen. Aber das passt dir ja nicht. Ich möchte Origami falten. Aber das passt dir ja auch nicht. Ich möchte ein Flötenkonzert geben, aber das passt dir ja erst recht nicht.

 

A:          Gut! Dann spiel dein Flötenkonzert. Ich hör’ dir dabei zu.

 

B:          Ehrlich?

 

A:          Ja.

 

B:          Und du unterbrichst mich auch nicht?

A:          Nein.

 

B:          Ehrenwort?

 

A:          Ja.

 

B:          Kleiner Finger-Schwur?

 

A:          Ja.

 

B:          Gaaanz sicher?

 

A:          Ja. Gaaaanz sicher.

 

B nimmt sich das Requisit „Notenständer und bringt sich mit seiner Flöte in Richtung des Publikums in Position.

 

B:          Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich präsentiere: DIE KLEINE EIDECHSE, von Gonzo Sachertort.
Teil eins: die Geburt der Eidechse.

 

B beginnt angestrengt doch leider ohne besonders wohlklingendes Ergebnis eine Melodie auf der Flöte zu spielen. A beobachtet das Geschehen gelangweilt von hinten; bringt sich bereits in Mikro-Nähe in Position. Nach etwa ein bis zwei Minuten beendet B seine Melodie und blättert um.

 

B:          Teil zwei von siebzehn: die kleine Eidechse lernt gehen.

 

B beginnt abermals mit seiner Melodie, diesmal jedoch hält es A nicht besonders lange aus, ruhig zu sein. Er beginnt Furz-Geräusche in das Mikrofon zu machen und spielt sich mehr und mehr an dem Requisit „Mikrofon“ hoch, bis B erneut der Kragen platzt.

 

B (erhitzt):   AUS! SCHLUSS! Wie soll man sich denn da Konzentrieren? Ich bin ein ernstzunehmender Flötenspieler und versuche hier zu arbeiten! Und ich habe jetzt WIRKLICH keine Lust mehr auf deine blöden Späße!

A:          Mensch. Jetzt reg dich doch nicht immer gleich so auf. Sieh das doch mal ein bisschen entspannter. Wir sind doch hier um Spaß zu haben und das wollen wir den Leuten doch auch zeigen.

 

B (schreit):   ICH   HABE   SPAß!!!

 

A:          Man merkt’s. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, ich möchte die Bühne für unser Publikum verschönern! (beginnt Lametta zu verteilen)

 

B (außer Kontrolle):     STOP! Hör sofort auf damit. (Nimmt den Plan) Ich habe hier bereits ein bis ins kleinste Detail durchkonzipiertes Bühnenbild erstellt. Das ist ein klassisches Biedermeier-Zimmer und wird…

 

A (unterbricht):    Ich kann dich nicht hören… La la la (wirft Lametta umher und schaltet Musik ein)

 

B platzt nun endgültig der Kragen und er redet laut auf den ihn ignorierenden A ein, wie auf ein krankes Ross. Dieser fährt fort, tanzend Lametta zu verteilen. Schließlich stoppt B die Musik wieder.

 

 

V

 

 

B (mit Plan in der Hand; zum Publikum): Und dann seid ihr alle aufgetaucht. Und wir haben noch überhaupt gar nichts für die Vorstellung geprobt.

 

A:          …was wir auch nicht tun werden.

 

B:          Aber hätten sollen!

 

A:          Hätte, hätte Glitzerkette (legt B einige Lametta um den Hals)

 

B:          Wir haben hier eine ernsthafte Situation. Die Leute sind da und wir haben überhaupt GAR NICHTS zu zeigen. Außer einen Verrückten und ein paar Biedermeier-Fotos.

 

A:          Und du glaubst, das reicht ihnen nicht?

 

B:          Es reicht mir nicht.

 

(Pause)

 

A:          Dann haben wir nur noch eine einzige Möglichkeit.

 

B (traurig):   Du sagst es…

 

(Pause)

 

A:          Liebe Kondi… Kandidatinnen und Aspiranten!

 

B:          Verehrte Damen und Herren!

 

A:          Hiermit geben wir bekannt…

 

B:          Dass unser Klub…

 

A:          …ab heute in zwei Klubs aufgeteilt wird.

 

B:          Es wird weiterhin den Klub K I S T E geben…

 

A:          Den Klub Irrsinnig Super Toller Ereignisse

 

B:          Und ab heute auch…

 

A:          …den Klub B O X!

 

B:          Kurz für Besonders Ordentlicher Club Kluger Systeme
B O C K S

 

A:          Leider konnten wir euch heute keine „richtige“ Vorstellung zeigen…

 

B:          …sondern „nur“ unsere Geschichte erzählen.

 

A:          Vielleicht habt ihr aber trotzdem Lust, bei einem von unseren Klubs mitzumachen.

 

B:          Ihr könnt natürlich selbst entscheiden, bei welchem.

 

A:          Die Anmeldeformulare liegen beim Ausgang bereit. LAMINIERT

 

Die beiden haben sich jeweils auf eine Seite gespielt. Ohne Blickkontakt stehen sie nun beide da, und versuchen verhalten, die Aktivitäten aus der Komposition (III) zu rekonstruieren. Da sie aber alleine sind, misslingt dieses Unterfangen. In einem nächsten Schritt wagen sich beide (noch immer ohne Augenkontakt) langsam und vorsichtig an eine Aktivität des jeweils anderen. Beispielsweise versucht A eine imaginäre Kakao-Tasse zu riechen, während sich B kurz den Fischhelm aufsetzt und verhalten tanzt. Über Musik und/oder chorisches Sprechen passiert eine Annäherung.

 

 

A:          Vor einiger Zeit war uns ziemlich oft langweilig. Wir haben gemacht, was alle so gemacht haben. Zaubertricks, Motorradrennen und Limbo tanzen.

 

B:          Kakaoverkostungen, Flötenkonzerte und Chinesische Prozessionen.

 

A:          Fotoshootings, Roboter bauen, Angelausflüge und Origami falten.

 

B:          Eben alles was alle machen. Ihr ja sicher auch oder?

 

A:          Aber irgendwann war das nicht mehr genug. Irgendwann war uns trotz Wildwasser-rafting, Tanzstunden und Schwert-duellen immer öfter langweilig.

B:          Und dann kam uns die Idee.

 

A:          Die Idee der Stunde, des Tages, der Woche, des Monats, des Jahres, überhaupt aller Zeit.

 

B:          Die beste Idee des ganzen Sandsonnensystems.

 

A und B:    Wir gründeten einen KLUB!

 

B:          Ein Klub in dem uns nie langweilig sein würde.

 

A:          In dem alles darf und nichts muss.

 

B:          Ein Klub der langweilige Aktivitäten systematisch aussperrt.

 

A:          In dem alle tun und lassen können, was sie wollen (solange niemand verletzt wird, versteht sich).

 

B:          Ein Klub mit einer offiziellen Klubband und einem offiziellen Klubsong. Offiziellen Klubstatuten und Klubveranstaltungen.

 

A:          Wir nannten ihn

 

A:          KISTE

B(gleichzeitig): BOX

 

B:          Und wir hatten auch sofort schon zwei Mitglieder.


ba dum tss

ba dum tss

Um blinden und sehbehinderten Kindern ein ebenso lustvolles Osterfest bescheren zu können, wie es Kinder ohne Beeinträchtigung für gewöhnlich erleben, wurden also Blindenstöcke gefertigt, deren Spitze von einem großen weichen Wollepfropfen eingefasst ist, damit die damit aufgespürten Ostereier nicht vorschnell zu Bruch gehen. Man nennt diese Hilfsinstrumente gemeinhin Eierstöcke.

 

***

Selbst Männer mit auffallend kleinem Geschlechtsorgan können eine Erektion bekommen. Der medizinische Fachterminus hierfür ist Mikroständer.

 

***

Wer gleichzeitig isst und schreibt, riskiert, dass flüssige Nahrungsteile dem Besteck entfliehen, und sich zum Unmut des Beteiligten auf der Schreibunterlage verewigen. Wenn sie dies in kreisrunder Form tun, spricht man von einem Lebensmittel-Punkt.

 

***

Tina ließ sich nicht aus der Bahn werfen, als sie der Schaffner ohne Karte erwischte.

Im niederösterreichischen Weinviertel, wo das namensgebende Getränk noch handgelesen wird, treffen sich zur Saison Lesehelfer mit ihren Auftraggebern am Weinberg, um die Modalitäten der bevorstehenden Traubenernte zu verhandeln. Traditionellerweise gibt der Weinbauer im Anschluss ein Handzeichen, welches den fröhlichen Arbeitsbeginn einleitet. Es ist dies das sogenannte Lesezeichen.

 

***

Der siebenjährige Rico wünscht sich eine Rakete die zum Mond fliegen kann, aber auch aus Schokolade ist.
Was für ein Kinderwunsch.

 

***

Die Zwillinge bekommen am Freitag von Papa jeweils € 50,- in die Hand gedrückt.
Als Valentin fragt, ob er richtig in der Annahme liege, dass es sich dabei um Geld für die Disco handle, meint der Vater, davon wäre auszugehen.

 

***

Als Florentine im Schultheater die Köchin spielte, verschüttete sie etwas Sauce.
Aufwischen musste sie es selbst. Sie hatte schließlich die Küchenrolle.


God is symmetry

God is symmetry

Linz ’17

Was der Mensch niemals sein kann; gleich; erschafft er sich in demütiger Bewunderung entgegen sich und seiner Natur.


Discobesuch

Discobesuch

Ich habe euch gesehen.

Ihr schreibt euch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit auf die Banner, aber wenn diese Werte im großen Stile verletzt, oder gar ins Gegenteil gekehrt werden, sitzt ihr bei Mate Tee und Low Carb-Curry.

Ihr habt die Ängstlichkeit kultiviert. Habt sie unter eurer Pflege wachsen und gedeihen lassen wie eine Zimmerpflanze.

Ihr habt nichts getan.

Wart zu beschäftigt damit, das Glück zu suchen. Und dabei gut auszusehen. So verdammt gut.

So verdammt glücklich.

Für die Zeit, die ihr tanzt. Die ihr vögelt. Die ihr shoppt. Die ihr euer Loft einrichtet.

Die einzige Entscheidung die ihr aktiv trefft ist die, euer eigenes Glück zu priorisieren. Koste es was es wolle. Reiki, Yoga, Therapie, … Ihr macht alles. Und nichts richtig.

Ihr verehrt Buddhisten und Quacksalber.

Ihr seid frei von Bindung und Zugeständnis. Ihr habt euch von den Fesseln der Konvention befreit, und seid dabei so konventionell.

Ihr habt unglaublich viel Sex.

Ihr verliebt euch, zieht aber keine Konsequenz daraus.

Ihr zieht sie aus wenigem.

Ihr habt die Welt nicht gesehen, außer von der gesicherten Kletterwand in Thailand aus.

Ihr seid so von dem was ihr als Sicherheit wahrnehmt eingeschlossen, dass ihr euch das leistet, was ihr Freiheit nennt.

Ihr wollt die Welt nicht veränden. Nur noch euch selbst.

Für euch gibt es nur noch euch, als logische Reaktion, als Trotz auf alles was um euch passiert.

Ihr seid nicht reich, aber noch weniger seid ihr arm.

Arm allerdings an Weitsicht. An Weltsicht.

Ihr entscheidet euch nicht mehr. Ihr lasst die Entscheidung so nahe zu euch kommen, bis ihr nicht mehr entscheiden, sondern nur noch reagieren müsst.

Ihr tanzt euch die Nacht weg; verbratet den Tag. Studiert Belanglosigkeiten und seziert Kalorienlosigkeiten.

Ihr versteckt hinter Pastellfarben und Schnörkeln alles was zu sehr in Richtung schwarz oder weiß tendiert.

Ihr seid weder bunt, noch schwarzweiß. Ihr seid gedeckt.

Ihr seid stetig um eure Mitte bemüht, ohne die Grenzparameter, zwischen der ihr sie einordnen könntet, überhaupt zu kennen.

Ihr ignoriert Leid, weil es euch aus der vermeindlichen Mitte werfen könnte. Weil es -wie nichts anderes- unmittelbares Handeln bedingt.

Ihr verurteilt nicht. Ihr lasst urteilen. Lasst andere entscheiden, was richtig und falsch ist. Gebt das Werten aus der Hand – nicht weil ihr euch dafür entscheidet. Weil es einfacher ist.

Ihr vertickt eure innere Uhr beim Pfandleiher hinterm DJ-Pult.

Eure Kunst heißt Performance.

Eure Sprache Anglizismus.

Euer Sport Yoga.

Euer Essen System.

Euer System Freiheit.

Euer Bier Craft.

Eure Musik Geräusch.

Ihr merkt das alles nicht. Es passiert euch.

Ihr seid nicht greifbar.

Greift auch nach nichts.

Ihr habt diese Zeit in der wir leben pasieren lassen.


Alte Liebe

Alte Liebe

 Gesammelte Küchenimpressionen

Der Umgang mit Essen ist persönlich – wenn auch nicht mit einer Person geteilt.
Solche Auswahl – ein einziges Privileg.

Vorbereitung zum Kochen:
Man schenke sich eine große Tasse Kaffee (gegebenenfalls auch Tee/Wein) ein, erfülle den Raum mit der zur Gemütslage passenden Musik, starre aufgrund seiner Leere unverhältnismäßig lange in den Kühlschrank und lasse sich nach und nach, von dem Wenigen, welches man noch seinen Untiefen entreißen konnte, inspirieren.

Ich beginne zu kochen, und währenddessen manifestiert sich etwas, dessen Ausgang ich von Vornherein nie hätte erahnen können.
Ohne Waage und Rezept.
Ohne Plan ohne Konzept.

Durch verschiedene Arten der Kraftausübung werden aus Lebensmitteln Genussmittel.

Einzig das Fotografieren überfordert…

 

 

Veggie

 

 

Rustikal

 

 

Nachhaltig
(sättigend UND lieb zum Planeten)

 

 

No Waste

 

 

Frische Zutaten

 

 

Functional Food

 

Sonst gibt’s Käsebrot

 

Forscher bestätigen: Essen ist gesund!

 

 

In der Küche gibt’s noch was zu erforschen.

 

Weils einen sonst früher umhaut als erwartet.

 

Filter drüber.
(dann merkt auch keiner dass du nicht fotografieren kannst)

 

Kochen für den Wiederstand!

 

Wer braucht schon Fleischberge auf Holzkohlen um Männlichkeit zu beweisen?

 

 

Kochen ist Quality Time mit Sellerie.

 

 

 

Wo sonst darf man mit Messern spielen?

 

 

Pflanzen haben auch Gefühle

 

 

A*, E**, F***, G****, L*****, N******

 

 

Spart das Trinkgeld

 

 

Was ist gelb und liegt auf der Straße?

 

 

Na?

 

Ein totes Pommes!

 

Auch Einstein war ein Esser!

 

 

Millionen Studenten können nicht lügen: Nudelsalat ist das beste Essen der Welt

 


thirtysomething - twothousandseventeen

thirtysomething – twothousandseventeen

Was ist ein GUTES Leben?

Wie aktiv kann ich es gestalten?

Wie passiv?

Was kann ich einfach auf mich zukommen lassen?

Ist glücklich zu sein um jeden Preis erstrebenswert?

Was brauche ich um glücklich zu sein?

Ist Selbstverwirklichung wichtig?

Was kann ich tun, damit mich diese Welt – die Welt 2017 – nicht runterzieht?

Wie viel Melancholie ist gut für mich?

Kann ich mir Wünsche leisten?

Und Werte?

Muss ich eine politische Meinung haben?

Ist Liebe das höchste Gut?

Was ist “lebenswert”?

Kann man wirklich bedingungslos lieben?

Kann ich überall zu Hause sein?

Kann ich glücklich sein, wenn ich über’s Glücklichsein nachdenke?

Und wenn nein – warum kann ich dann darüber nachdenken?

Ist alles Chaos?

Wie viel Sicherheit brauche ich?

Wie viel Freiheit?

Wie viel Tier steckt in mir?

Gibt es Lösungen?

Muss ich mich fortpflanzen?

Ist alles ein Kampf?

Kann ich nur in der Melancholie kreativ sein?

Was in meinem Leben ist genetisch prädeterminiert?

Gibt es richtig und falsch?

Kann ich flüchten?

Braucht es Moral? Oder reicht auch Liebe?

Gibt es überhaupt Sicherheiten?

Und wenn nein – macht es Sinn, sich welche zu simulieren?

Kann ich völlig ehrlich sein?

Hat alles wirklich mit mir zu tun?

Soll ich mit der Zeit gehen?

Ist Konsequenz wichtig?

Brauche ich andere Menschen?

Muss ich meine Zeit gut nutzen?

Wie viel Ignoranz ist gut?

Ist mir noch zu helfen?

Kann ich mich selbst finden?
(Oder können das nur andere?)

Gibt es jemanden, der recht hat?
(Der Hausverstand vielleicht?
Oder die Buddhisten?)

Gibt es von allem eine Essenz?

Kann ich jemals jemanden ganz kennen?

Kann ich mir Spiritualität aussuchen?

Soll ich im Reformhaus einkaufen?

Was soll ich mit meiner Angst machen?

Kann ich mir diese Fragen in jeder Sprache stellen?
(oder haben Menschen, die kein Wort für Angst haben auch keine Angst?)

Muss ich immer daran arbeiten, ein besserer Mensch zu werden?

Ist alles logisch erklärbar?

Soll ich mich betäuben?

Gibt es jemanden, der mit sich im reinen ist?
(Und ist das nicht langweilig?)

Was tun gegen Langeweile?

Gibt es noch was zu erforschen auf dieser Welt?

Wann beginnt eine psychische Erkrankung?

Kann ich mich für ein höheres Gut selbst zerstören?

Sind “manchmal”, “vielleicht”, “unter Umständen”, etc… überhaupt Antworten?

Sind Modeerscheinungen immer schlecht?

Und wie ist es mit Tradition?

Ist Gewalt immer zu vermeiden?

Ist Kunst wichtig?

Ist Romantik tot?

Steht Familie über allem?

Muss ich alles hinterfragen?

Und wenn nein – was schon?

Habe ich etwas zu verbergen?

Kann ich vom Rausch etwas lernen?

Gibt es ein kosmisches Prinzip?

Darf ich entschieden “NEIN, das passt mir nicht!” sagen?

Muss ich Intoleranten gegenüber tolerant sein?

Wie viel tue ich bewusst?

Gibt es einen Zustand der Erleuchtung?

Und wenn ja – ist er erstrebenswert?

Muss ich mir manches gefallen lassen?

Ist Alkohol böse?

Wer steuert mich?

Wie sehr lasse ich das Außen an mich heran?

Was ist relativ? Was absolut?

Kann ich mich selbst belügen?

Soll ich auf meinen Körper achten?

Muss ich geheilt werden?

Oder erlöst?

Wenn ja – wer kann das?

Muss alles Sinn machen?
(Muss ich?)

Ist immer alles gut?


Coldplay

Coldplay

Franziskusweg – Tag Zehn

Ein weiteres Bilderbuch-Klischee eröffnet sich dem verschlafenen Mir im verschlafenen Valfabrica. Ein Barbesitzer steht weißbeschürzt (Hemd: Hellblau) vor seiner Lokalität und bedient –von fleischeslustigen Kunden umringt- eine Wurstmaschine, auf der eine Mortadella vom Ausmaß einer großzügigen Nackenstütze liegt. Der Weg nach Assisi ist nicht mehr der Schreibe wert. Es ist halt frühmorgens. Kälter als ich der Region zugetraut hätte… So viel vielleicht… Selbstverständlich kommen wir an. Kein Tamtam. Der Beschluss: Sich gediegen zu betrinken, nachdem Simone (Don Simone) seinen Gebetsmarathon durch die diversen geistlichen Einrichtungen der Stadt vollendet hat.

Für die beiden Weintrinker bedeutet das: Drei kleine Bier (0,4) mit dem verrückten Alpenländer um dann beinahe volltrunken in den Wagen der Mitfahrgelegenheit zu torkeln. Ich übernachte. Beziehe Bett. Alleine im sterilen Dormitorio. Dann nach oben. Auf die Rocca Maggiore. Die paar übriggebliebenen Burgmauern, die auf dem höchsten Punkt der Stadt flacken wie Rippchenknochen auf einem fettverschmierten Fleischteller, geben nicht viel her. Doch der Himmel färbt sich langsam violett über dem Panorama. Ich sitze. Schaue. Warte. Übers Land. Wache. Alleine. Jetzt bin ich erst da. Das Pärchen neben mir lässt die Handylautsprecher „Fix you“ in die Wolken brüllen.

Das wars.
Hier.
Ich.
Weder erleuchtet, noch König der Welt.
Nur ich.
Jetzt.
Hier. Der Himmel. Die Stadt. Und Fix You.
Kein Bedürfnis. Kein Bedarf nach Fotos, Status, Vino, Essen, Gesellschaft.
Dann wieder allein. Zum Schluss…

NACHWORT
Die zweieinhalbstündige Zugfahrt von Assisi zurück nach Florenz wird versuchen, das Getane zu relativieren. Sie wird es nicht schaffen.


Erleuchtung?

Erleuchtung?

Franziskusweg – Tag Acht und Neun

Ich reise von nun an mit Giuseppe und Simone. Der Dicke hat heute Nacht wieder so unmenschliche Verendensmusik geschnarcht, dass mein good will letztlich auch übernächtigt das Handtuch geworfen hat. Den Rausch des Jahres noch tief in den Gedärmen sitzend (der btw inklusive Essen € 18,- ausgemacht hat) quäle ich mich mitten in der Nacht in den zweiten Schlafraum, wo ich wenige Stunden später mit allem anderen als Motivation aufwache. Im Supermarkt treffe ich die beiden angenehm unaufgeregten Süditaliener Simone und Giuseppe, und wir beschließen, nach dem Frühstücks-Cappuccino gemeinsam nach Gubbio aufzubrechen. Die sieben Stunden fühlen sich an wie drei weil die beiden durchaus auf meiner Wellenlänge schwimmen, was das sich an den jeweilig anderen sprachlichen Unzulänglichkeiten in englisch und italienisch Erheitern betrifft. Giuseppe ist Pizzabäcker aus Apulien. Simone Physiotherapeut in Bologna, beide jung und unzufrieden und gemütliche Tratscher. (Sie sollten mich von nun an bis zum Schluss begleiten). Tatsächlich bricht hier die Dokumentation etwas ein. Tag acht und neun verLAUFEN dank Giuseppe (Joe) und Simone außergewöhnlich unspektakulär. Wir gehen. Ihren Symbolen nach. Scheißen auf den Führer. Lernen uns kennen. Genießen. Essen. Trinken. Kindische Machosprüche (die Italienischen Männer sind deshalb weltweit die einzigen, denen chauvinistische Machosprüche verziehen werden, weil sie sich in deren Ausführung selbst –halbgewollt.- persiflieren) Ernsthaftes Interesse. Ich lerne italienisch. Sie englisch. Dank der beiden Mitzwanziger und ihrer Freude, für den doofen Turi zu dolmetschen, gibt es keine Verständigungsschwierigkeiten mehr. Sie quartieren uns gratis oder zu Spottpreisen in Pilgerunterkünften ein, erfragen Wege, Kirchen, Klöster, Brunnen, und manövrieren uns souverän in Lokale, die den höchst apulischen Ansprüchen Giuseppes genügen (jeder Pizzakoch hat schließlich das Essen neu erfunden). Ich hänge dran. Sprachlich nach. Doch nicht von ihnen ab. Der Spruch aus Kinderzeiten liegt auf der Zunge: Zusammen geht alles leichter. Vielleicht ist das meine Erleuchtung. Mein Zeichen. Dort Weggefährten zu finden, wo ich kurz vor dem Aufgeben bin und dank/mit ihnen Neues finde. Neues gehen. Ohne das nervige Diktatörchen. Den Wegschildern nach. Neues Essen. Feigen vom Baum. Zum niederknien. Und hochklettern. Neues Reden. In Italienisch und Italienglisch. Und neue Freunde. Zumindest für drei Tage. Danach auf Facebook. Gubbio (Tag acht) ist atemberaubend. Die Stadt kann nur hier stehen. Überall sonst würde sie aufgesetzt, deplatziert wirken. Nach fünfundzwanzig Kilometern Kraftmarsch treffen wir im Zeitloch auch Davide und Diego wieder. Zeitloch im Zeitloch. Das Dormitorio aus den 70ern in der Stadt aus den 1470ern (geschätzt. Nachträgich recherchiert: wesentlich älter). Fabio kommt später. Cresce. Pizza. Birra. Letto.

The five types of pilgrims you will find on any camino

  1. Giuseppe ist so viel Weltenbürger wie geht. Auf seiner Haut: Sanduhr, Kompass, Weltkarte. In seiner Haut: Forscherdrang, Unzufriedenheit, Ärger mit den Zuständigen. Er bäckt Pizzas, denn was soll er sonst tun. Neues ist beinahe zwanghaft immer gut. Englisch ist die Befreiungssprache. Sein Jahr in Australien der Eingang zum Fluchttunnel. Weil er Simone über alles liebt, verdreht er bei jedem zweiten seiner Worte die Augen.
  2. Simone ist kaum zu sehen hinter Haaren. In fünf Jahren wird er vor zweihundert Jahren eine Zirkusattraktion gewesen sein können. Den Habitus des unbeschwerten Pfadfinderjungen kauft man ihm ab. Nicht weil er ihn gut verkauft, sondern weil es nichts anderes zu kaufen gibt. Zukunft braucht er noch nicht. Er leistet sich Glücklichsein. Es kostet ihn zwei Gebete pro Tag. In seiner Freizeit: Kirchenlieder, Holzschnitzereien.
  3. Davide’s Camino hat mit Findung wenig zu tun. Er geht ihn, weil er alles andere schon gegangen ist. Flirten ist Wettbewerb. Der Kuss einer Fremden der Hauptpreis. Der Körper, an dem kein Fett sich anzusetzen traut, ist stetig sprungbereit, keine Bewegung plump oder überflüssig. Aus dem Trinkschlauch: ISO-Konzentrat. Aus dem Restaurant: Rohes Fleisch. Wenn er lacht geht die Sonne auf um nachzusehen, wer so einen Lärm macht. Wäre Diego nicht, würde er den Camino rennen.
  4. Diego spricht nicht. Er lehnt an seinem diegogroßen Diegorucksack wie ein Schluck Schokomilch in der Kurve. Tief sitzen die Augen. Tiefer noch sein Geheimnis. Südamerika versteckt er nicht. Er gehört hier nicht her. Italien ist ihm Mittel zum Zweck, weil er nicht auffällt und das Klima zu seiner DNA passt. Auch als Bäcker am Mailänder Bahnhof fällt er nicht auf. Doch das ist alles nebensächlich. Worum es bei ihm wirklich geht, wird niemand je erfahren. Wenn er etwas abnehmen würde, würde er verschwinden.
  5. Fabio geht nicht, er stampft. Spricht nicht; grollt. Isst nicht; vertilgt. Schnarcht nicht; scheppert. Er ist kein Hedonist, denn er weiß nicht, wie man das Wort schreibt. Sein Körper besteht aus Grinsen, Fett und Schweiß. Dass er den Camino schafft ist zwar ein Wunder, wer ihn beim Gehen beobachtet weiß jedoch, dass es ein unausweichliches ist. Die Beine (:) Walzen. Zweimeterfünf. Hundertzwanzigkilo. Das Essen, Trinken, Rauchen: Genuss durch Masse

Der Anmarsch nach Valfabrica verspricht eine Gewalt zu werden. Und hält Wort. Was mein mittlerweile in tiefster Rucksackverstauung schweigender Franziskusführer in zwei Kinderetappen aufteilt, nötigen Pepe und Simone mich, unter ein mal zu bewältigen. Am liebsten laufe ich –mittlerweile nur noch stur den in verschiedensten Farben von jeder Straßenlaterne grinsenden Pilgerweg-Symbolen folgend- in kontemplativer Manier etwa zwei Meter vor den beiden, während sie sich auf italienisch unterhalten. Die Sprache –schnell und abwechselnd gesprochen- entbehrt nicht einer meditativen Qualität. Und dank der drei überdominanten Themenbereiche Fußball, Essen und Frauen, innerhalb derer sich 80% aller männlicher italienischer Konversation abspielt, geht der Gesprächsstoff nicht einfach aus. Nie. In Teilgruppen treffen wir auf dem Weg auch die anderen wieder. Lassen voller aus der unverhofften Dreisamkeit geschöpftem Übermut alle (sogar den dreimeterbeinigen Diego) hinter uns. Schmerz. Sonne. Durst. Anstrengung. Die Motivationsachterbahn. Der Blutzuckerspiegel. Das alles verliert in der Gruppe ganz selbstverständlich seinen Problemstatus und wird zur Unannehmlichkeit geringen Grades.